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Home / Ensheimer Geschichte im Überblick / Ensheim im 19. Jahrhundert Ensheim unter bayrischer Herrschaft (1816 - 1918)


Bei den Friedensverhandlungen in Wien zog sich Frankreich dank des Verhandlungsgeschicks seines Vertreters Talleyrand zunächst gut aus der Affäre: das Land wurde in den Grenzen von 1792 wiederhergestellt und erhielt zudem noch das Saargebiet mit Saarbrücken, St. Johann und 44 Dörfern. Allerdings setzte Napoleon diesen Erfolg für seine "Herrschaft der Hundert Tage" wieder aufs Spiel und wurde 1815 bei Waterloo vernichtend geschlagen.

Im Juni 1815 wurde schließlich in der Wiener Kongreßakte festgeschrieben, daß der größte Teil des heutigen Saarlandes zu Preußen, ein kleinerer Teil an Oldenburg kommen und der östliche Teil um Homburg, Blieskastel und St. Ingbert bayrisch werden soll: auf diese Weise sollte Ensheim zu einem der westlichsten Außenposten des Königreichs Bayern werden! Nur die Gemarkung der Nachbargemeinde Eschringen lag noch näher an der bayerisch-preußischen Grenze, die fortan zwischen Fechingen und Ensheim respektive Eschringen verlief. Noch heute erinnern etliche Grenzsteine an die damalige Grenzziehung. 

Im Jahr 2000 hat sich in Ensheim sogar ein Verein mit dem Namen "Die Gränzstäner" gegründet, der sich die Sichtung, Restaurierung und Pflege der alten Grenzsteine zur Aufgabe gemacht hat. Allerdings wurde bis jetzt (2001) erst ein Grenzstein aus dem Jahr 1905 restauriert, der damals einen Grenzpunkt zwischen dem Königreich Bayern und dem Königreich Preußen bildete. An diesem Stein findet seit 1996 alljährlich ein Grenzsteintreffen statt, das mit einem traditionellen Grumbierbròòle verbunden ist. 
Inzwischen (2005) firmiert der Verein als Ensheimer Heimat- und Kulturverein die »Gränzstäner«, hat eine eigene Website ins Netz gestellt und will sich verstärkt der Ensheimer Heimat und Kultur zuwenden. Laut Satzung bezweckt der Verein »die Instandhaltung und Pflege der Grenzsteine, die ehemals Bayern und Preußen trennten, die Grenzsteine des ehemaligen Ensheimer Klosters, sowie die Erhaltung und Pflege von Ensheimer Brauchtum und Traditionen in Ensheim und Umgebung« (Satzung, § 2 Abs. 1)

Nach der Unterzeichnung des Münchner Tauschvertrags mit Österreich am 14. April 1816 erfolgte bereits am 1. Mai 1816 die Angliederung des Rheinkreises (Rheinbaiern) an den bayerischen Staat; erst gut zwei Jähre später wurde die bayerische Verfassung verkündet. Rheinbaiern erhielt einen in Deutschland einzigartigen Sonderstatus: die unter Napoleon eingeführten Gesetze, etwa der Code Civil, behielten ihre Gültigkeit. Sogar die französische Währung überlebte noch die Jahre 1816/17!

Die neuen linksrheinischen Besitzungen Baiern wurden zunächst als Rheinkreis, ab 1. Januar 1838 als Pfalz bezeichnet.

Offenbar hatte die Mehrheit der pfälzischen und saarpfälzischen Bevölkerung nichts dagegen, zum Königreich Bayern zu gelangen, zumal die Bayern von Anfang an betont hatten, die in der französischen Zeit errichteten Rechtsverhältnisse nicht verschlechtern zu wollen. In einer entsprechenden königlichen Entschließung vom 16. Juni 1816 hieß es:

            "Wir wollen an der bisherigen Verfassung, den Einrichtungen und den bestehenden Gesetzen dieser Provinz durchaus keine Abänderung verfügen. Auch wollen wir die Verwaltung der überrheinischen Lande nach den dort eingeführten Normen fortbestehen lassen."  

(Zitiert bei Fenske, Anmerkungen, 35)

Damit wurde zugleich die Eigentumsordnung garantiert, die sich in den linksrheinischen Gebieten Frankreichs seit 1798 entwickelt hatte. Eine weitere königliche Verordnung vom 5. Oktober 1818 garantierte die Einrichtungen in Rheinbaiern als historisch gewachsen, was in der liberalen Presse jener Zeit überschwenglich gefeiert und begrüßt wurde:

            "Das königliche Dekret vom 5. Oktober ist für Rheinbaiern eine magna charta, eine Rechtebill, und  sichert das Land gegen verderbliche Reaktionen, gegen die Umtriebe der Ultra und gegen Versuche und Versuchungen zu Rückschritten."  

(Neue Speyerer Zeitung, zitiert bei Fenske, a.a.O.)

Ensheim war jetzt als Bürgermeisterei für die Orte Ensheim, Eschringen und Heckendalheim zuständig und gehörte zum Kanton Blieskastel und damit zum übergeordneten Landkommissariat Zweibrücken. (Karte, 143 KB)

Wenn auch die Garantie der aus französischer Zeit stammenden Institutionen von der pfälzischen Bevölkerung mit Wohlwollen aufgenommen wurde, so sorgte aber die Wirtschafts-, Fiskal- und Zollpolitik bei den Pfälzern für Verdruß. Da die Pfalz nicht mit einer Zollgrenze versehen wurde, konnten alle waren zollfrei nach Rheinbaiern geschafft werden. Die Folge war ein ziemlich niedriges Preisniveau. Dagegen wurde pfälzische Produkte mit Ausfuhrzöllen belegt, selbst wenn sie für den größeren rechtsrheinischen Landesteil bestimmt waren! Als dann 1829 auch um die Pfalz eine Zollgrenze errichtet wurde, mußten auch die Pfälzer Importzölle für alle eingeführten Waren zahlen, wodurch sich die Bevölkerung nun doppelt belastet fühlte. Diese verfehlte Zollpolitik traf die pfälzische Wirtschaft mit aller Härte, wofür auch der temporäre Niedergang der Dosenproduktion in Ensheim in den 1820er Jahren als Beispiel dienen mag. Diese nachteilige Wettbewerbssituation änderte sich für die pfälzische Wirtschaft erst durch die Gründung des Deutschen Zollvereins am 1. Januar 1834.

Jakob Grentz, ein aus Ensheim stammender Lokalhistoriker, hat das Leben in Ensheim um 1830/35  in einem kleinen Buch beschrieben, das hier auch online verfügbar ist.

Nach einigen quasi-liberalen Jahren erlebten jetzt die Pfalz und auch der saarländische Teil politisch in den 1830er Jahren die Zeit der "Reaktion", in der die deutschen Fürsten mit Gewalt und Unterdrückung ihre Macht aufrechterhalten wollten. Als ein Beispiel von vielen mögen die starke Behinderung der freien Presse durch die Zensurordnung vom 28. Januar 1831 oder die staatlichen Restriktionen und Abwehrmaßnahmen gegen die im Zusammenhang mit dem Hambacher Fest vom Mai 1832 entstandenen Protestbewegungen dienen. Aufgrund des harten Durchgreifens der bayerischen Behörden in den Jahren 1832 und vor allem 1833 blieb es bis ca. 1845 zwangsweise ruhig im linksrheinischen Bayern.

Doch überall im Reich gärte es, und es bedurfte nur eines Tropfens, um das Faß der allgemeinen und durch die Hunger- und Teuerungskrise der Jahre 1846/47 verstärkten Unzufriedenheit überlaufen zu lassen: nachdem die Pariser Bevölkerung im Februar 1848 auf die Barrikaden gegangen war und die Abdankung des "Bürgerkönigs" erzwungen hatte, wollten es ihnen revolutionäre Deutsche nachmachen. Auf fruchtbaren Boden fielen die Informationen aus Paris nicht nur in Baden und der Pfalz, sondern auch im Saargebiet. So beschlossen bereits am 9. März 1848 die Gemeinderäte von Saarbrücken und St. Johann nach einer Bürgerversammlung eine Petition an den preußischen König. In der Folge kam es nach Auffassung von Gerhard Heckmann zu einer regelrechten "Petitions- und Adresswelle", zumal nicht nur die Städte, sondern auch zahlreiche Gemeinden und insbesondere auch die Bergleute des Saarreviers ihre Forderungen an die Obrigkeit formulierten. An vielen Orten im Saargebiet kam es zu Tumulten, Demonstrationen und sogar zu kleineren bewaffneten Aktionen: So berichtet Gerhard Heckmann von einer Aktion im Nachbardorf Fechingen, wo am 28. März mit Stöcken bewaffnete Einwohner den offenkundig verhaßten Bischmisheimer Bürgermeister zur Abdankung zwangen.

Im Königreich Bayern war der König aufgrund des öffentlichen Drucks bereits am 6. März 1848 zu umfangreichen Konzessionen bereit:

Ziemlich schnell fand dieser Reformlandtag statt, der den Märzforderungen in den bayerischen Territorien - und damit auch in der Pfalz - noch im März 1848 zum Durchbruch verhalf.

Über die revolutionären Aktivitäten von Ensheimern berichtet die Ortschronik:

"Die Ensheimer Bevölkerung blieb nicht untätig in dieser Sturmperiode. Insbesondere die jüngeren männlichen Ensheimer Einwohner beteiligten sich ausgiebig. Wie im Jahre 1795 wurde an derselben Stelle vor 'Seppe Wirtschaft' das Zeichen der Freiheit, der Maibaum aufgepflanzt. Die jungen Männer ... bewaffneten sich mit Gewehren..., mit Sensen... und mit Dreschflegeln. Im 'Gemäne' wurde exerziert und bald darauf ... schlossen sie sich dem Freischärlerkorps in Homburg an. Bei Kirchheimbolanden standen sie den Preußen gegenüber und erlebten ihren kläglichen Zusammenbruch, ebenso wie bei den Kämpfen bei Neuhäusel und Rastatt in Baden. Einige Ensheimer Freischärler entflohen in die Schweiz, andere kehrten bei Nacht und Nebel zurück und versteckten sich in 'Botzeschmieds und Remlingers Keller'. Bald darauf erfolgte jedoch ein Gnadenerlaß des Königs Max II. von Bayern, worin ihnen Straffreiheit zugesichert wurde."

Leider war bisher nicht ermitteln, welche Ensheimer Bürger aktiv an der Deutschen Revolution teilgenommen haben.

Bekanntlich ist ja diese Revolution im Jahr 1849 gescheitert, obwohl 28 deutsche Staaten die von der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche beschlossene Reichsverfassung anerkannt hatten. Entscheidend für den Mißerfolg der Revolutionäre war vor allem der Widerstand der großen Staaten Preußen, Österreich und Bayern, die es kategorisch ablehnten, die Reichsverfassung zu ratifizieren. Zwar gab es im Mai 1849 in der Pfalz noch eine besondere Reichsverfassungskampagne gegen diese reaktionäre bayerische Politik und in der Folge davon am 27. Mai 1849 die von der Provisorischen Regierung verfügte Loslösung der Pfalz von Bayern, die aber am 13. Juni durch den Einsatz von preußischem Militär auf bayerische Bitte hin blutig wieder rückgängig gemacht wurde. (Fenske, op. cit., 40 ff)

Beim Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866 waren auch sieben Ensheimer Soldaten mit von der Partie. Sie mußten im bayerischen Heer mitmarschieren und kämpften auf der Seite Österreichs bei Kissingen und Hammelburg gegen die Preußen.

Ensheim im Jahre 1866

Nachdem Frankreich wieder einmal Gebietsforderungen an die süddeutschen Nachbarn gerichtet hatte, schlossen diese, auch Bayern, mit Preußen "Schutz- und Trutzbündnisse". So erklärt es sich, warum 1870/71 wieder etliche Ensheimer auf der Seite des bayerischen Heeres am Krieg gegen Frankreich teilgenommen und die Kämpfe bei Wissembourg, Woerth, Bitche, Sédan, Orléans und Paris mitgemacht haben - meist beim 10. Jägerbataillon Zweibrücken oder bei den Ulanen. Die Schlacht bei Spichern am 6. August 1870 konnte übrigens vom Ensheimer Wickersberg aus verfolgt werden!

Mit der Reichsgründung 1871 wurde das Königreich Bayern und damit auch Ensheim Teil des (zweiten) Deutschen Reiches. (Karte, 58,1 KB)


Extra-Surftipp: 

Ausführliche Literaturliste und umfangreiche Materialien zum Thema "Geschichte Bayerns von 1777 - 1848"
[= Vorlesung von Prof. Schmid am Institut für Geschichte der Universität Regensburg, WS 1998/99]

Prof. Schmid bietet hier eine Literaturliste als WinWord-Datei oder als HTML-Datei sowie umfangreiche Materialien zur Geschichte Bayerns im fraglichen Zeitraum, darunter einige historische Karten und etliche Porträts bedeutender Personen aus jener Zeit. Absolut lesens- und sehenswert!

[Stand: 24.03.2001]


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