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Home / Ensheimer Geschichte im Überblick / Ensheim im 19. Jahrhundert /
2.3.1 Die Russen in Ensheim (1813)
Im Jahr 1813, während der Befreiungskriege der Alliierten gegen Napoleon, lagen in Ensheim und Umgebung russische Truppen. Diese haben bei der Bevölkerung einen wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlassen, vor allem, weil sie ihre Notdurft ungeniert mitten im Dorf verrichteten(!), wovon das nachfolgende zeitgenössische Gedicht des in Ensheim gebürtigen Pfarrers Peter Bläs Zeugnis gibt (abgedruckt in der Ortschronik Ensheim, S. 61 ff).
In diesem Gedicht liest der Pfarrer den Ensheimern die Leviten für ihr, wie er meint, zügelloses, ausschweifendes und wenig gottgefälliges Leben, und er interpretiert die Heimsuchung durch die russischen Truppen als eine Art göttliches Strafgericht! Doch er kritisiert die Ensheimer nicht nur, sondern er gibt ihnen auch konkrete Tips, wie sie künftige Not vermeiden können: durch Ackerbau und Viehzucht!
Übrigens hat Ensheim in der benachbarten Pfalz auch heute noch das Prädikat "Das sündige Dorf"! Mit anderen Worten: Die Altvorderen müssen es getrieben haben wie einst die alten Römer ;-)
"1. O Vaterort, wie siehst du aus
Kein einzig unverdorbnes Haus.
Mangel an dem lieben Brote,
kämpfend mit dem Hungertode.
Statt der Spiele und Gesänge,
Deiner Lustbarkeiten Menge.
Seh und hör ich tiefen Kummer,
stillen, stillen Todesschlummer.
2. Auf den Plätzen und Gefilden
wo die Kinder fröhlich spielten,
auf jedem Weg vor jedem Haus
siehts gleichsam wie ein Abtritt aus.
Jetzt sage ich, mein Vaterort,
wer warf dich denn so über Bord
und dich der Dörfer Königin
in dieses große Elend hin?
3. Sohn, ich sollte ewig schweigen
und mich ganz in Demuth beugen
vor der Rute, die mich strafte
und mich zur Besinnung brachte.
Doch ich habe dich gezeuget
und an meiner Brust gesäuget
und weißt du, kriegst noch Lieb zu mir,
drum lehr, was ich erzähle Dir:
4. Unsre erste Glaubenslehre,
daß der Handel nie aufhöre,
wirkte schädlich auf die Sitten
und man will in Riesenschritten
auf des Leichtsinns breiten Wegen
dem Verderben schnell entgegen.
Und ließ jeden andern Morgen
gütigst für sich selber sorgen.
5. Der Gott allein, der uns gefiehl
war Speise, Trank, Trug und Spiel.
Mit einem Wort, es sah fast gar
so aus, wies vor der Sündfluth war.
Hier in dem Dorf lag ein Haus,
das lud durch einen großen Strauß
die sämtlichen Bewohner ein
zum Wein, Bier und Branntewein.
6. All, die dies gewünschet haben,
ließen sich nicht zweimal laden,
es ging nun Zug um Zug sofort
dahin, als wärs ein Wallfahrtsort.
Dosenmacher, Schuster, Schneider,
der Adjunkt und Bürgermeister,
auch Schreiner, Schmidt und Zimmermann,
alle schlossen sich dem Zuge an.
7. Viele von den Ackersleuten
wollten nicht die letzten bleiben,
sogar der Schwein- und Ziegenhirt
liefen hin zum neuen Wirth.
Halt des lieben Steinmetz wär ich
schier vergessen, denn der hat sich,
von der Arbeit weggeloffen,
täglich einen angesoffen.
8. Denn diese Völkchen langsam lustig
war von jeher schrecklich durstig,
wird auch wie die Sterne deuten,
so zu allen Zeiten bleiben.
Kurz gesagt aus allen Ständen
rutschen auf den Wirtschaftsbänken
Männer. Knaben, Mädchen, Weiber,
Knechte, Mägde und so weiter.
9. Dieser ließ die Arbeit liegen,
jener 's Land sich selber pflügen,
hungrig blieb das Vieh im Kothe,
langbewahrt nach neuster Mode.
Mütter banden, um geschwinder
fortzukommen, ihre Kinder
unbefriedigt an die Wiegen,
mit der Weisung: bleib schön liegen!
10. Einige schwatzten, tranken, tanzten,
viele, die zuhaus oft zankten,
auch jeder Freier spielte da
mit seinem Schatz et es atira.
Hier wurde oft in einer Nacht
mit leichtem Sinne durchgebracht,
Das was man in sechs Tagen Zeit,
verdiente mit der Handarbeit.
11. War ein solch Gelag vorüber
und der Beutel voll von Fieber,
gings anstatt der Zahlung bar
auf Rechnung, wie es Mode war,
den Katzenjammer zu besiegen,
blieben sie des Morgens liegen,
bis Gott Vater s'Licht ansteckte
und sie Hirt und Herde weckte.
12. Der Wirth, ein großer dicker Mann
und selbst sehr durstig obenan,
soff auch solang und machte Spaß
bis ihm die Geiß den Krahnen fraß.
Was nun die Kleidung anbelangt,
die war wie dir noch wohlbekannt
in der Regel bunt und scheckig,
während Hemd und Haut sehr dreckig.
13. Männer trugen stolz Manschetten
und sehr lange Uhrenketten,
welchen leider gar nicht selten
selbst die Uhr und Hemden fehlten.
Auch Hosen nach Soldatenart
und Hüte à la Bonaparte,
lange Frackröck wie ein Küster,
krumme Stiefel mit zwei Rüster.
14. Von hinten am frisierten Kopf
hing ein langer dicker Zopf,
ganz stolz herab, doch der auch war
nur compliziert aus fremdem Haar.
Bei dem lieben Frauenzimmer
stand es noch bei weitem schlimmer,
Kleider, Bänder, Ohrenringe,
Kämme und dergleichen Dinge.
15. Schätzen sie so hoch und theuer,
daß sie auch durchs Höllenfeuer,
sie zu haben barfuß liefen
oder wischten mit Vergnügen
wenn der dürftge Beutel leer
zum ersten besten Schmul und der
erhält dafür die beste Kuh
und oft vom Leib das Hemd dazu.
16. Die Haare waren parfümiert,
die alten Backen roth geschmiert,
Kopf und Ohren guckten immer
aus sehr hoch gestelltem Schlinger.
Die Kleider waren wie der Sinn
sehr leicht und schlecht von Musselin.
Und die Strümpfe all erlaubten,
daß die Fersen durch sie schauten.
17. Mit den Schuhen stands bei ihnen
wie bei Markedenterinen,
lustige Schleppen 'dinn' und groß
mitunter auch oft sohlenlos
und ausgegangen trugen sie
beständig nebst 'Parabulis'
wär die Kält auch noch so bitter
den geborgten Modeflitter.
18. Allesamt doch hatten unter
diesem kreuzfatalen Plunder
wie ich euch bei Ehr versichern kann
sehr löchereiche Hemden an,
so lebten wie ohn Ziel und Maß,
indem wir sicher glaubten, daß
Fortuna unsre Mutter sei
und Bacchus unser Leiblakei.
19. Als plötzlich wie ein Donnerkeil
ein Bote kam in aller Eil,
der uns in der Seel erschreckte,
und aus unsern Träumen weckte.
Spanien hieß es und das Land,
das Christoph Kolumbus fand,
Engländer und Franzosen
wollten nicht mehr Tabaksdoesen.
20. Jetzt war ach, o und wehe
und Elend da, wie nie von je
denn nicht ein rother Heller lag
vorrätig auf den andern Tag.
Viele noch von jeher ließen
ihre Äcker, Gärten, Wiesen,
während sie dem Handel trauen
von Gott Vater selber bauen.
21. Wollten eher Hunger leiden,
als mit Müh im Feld arbeiten.
Darum war jetzt umso mehr
Speicher, Küch und Keller leer.
All die Zecher, Spieler, Tänzer,
all die Prahler und Faulenzer
wurden jetzt mit derben Zieten
aus dem Paradies vertrieben.
22. Elend so durch Selbtverschulden
blieb uns nichts als still gedulden,
unsern Blick zu Gott zu wenden,
und uns fürder einzuschränken.
Der dicke Wrth ging selbst voran
und zog sich engre Kleider an.
Ließ sich mit der Hand jetzt fangen
und verdutzt die Ohren hangen.
23. Für die Tische, Stühle, Bänke,
Gläser, Tanzsaal, Keller, Schränke,
Karten, Würfel, Bier und Wein
treten jetzt die Ferien ein.
Zum Überflusse ward sogar
auch noch das alte Sprichwort wahr:
'Ein Unglück kommt nicht ganz allein,
es hat ein zweites im Verein!'
24. So kamen jüngst in einem Rand,
die Sache ist wohl weltbekannt
aus Norden über Kreuz und Quer
Dreihunderttausend Fresser her,
Russen, Letten und Kosaken,
Finnen, Kuren und Polacken
Wetten liefen Samojaden,
auch Tartaren und Derbaten.
25. Matscharjäcken und Tschürmessen
samt Tschurmaschen und Kirgisen
auch Kalmücken, Buckaschüren,
nebst Mongolen und Batschküren.
Alle samt und sonders waren
hungrige, verlumpte Scharen.
Gefräßig wild und roh gleich wie
gewöhnlich ist das liebe Vieh.
26. Ja aus der Mitt' der Hölle kroch
am Nordpol durch ein großes Loch
die höllische Markedenterschar,
wovon der Satan Vater war.
Was die ersten nicht begehrten,
und die zweiten nicht verzehrten,
und die dritten nicht befohlen
haben diese noch gestohlen.
27. Aller Sprache war indessen
Vater Schnaps und Mutter essen.
Und ans Vaterunser statt
fluchten sie ihr bitt foi matt,
während sie ans Fressen dachten
raubten und nach Mädchen fragten
machten sie dem Cruzifixe
traulich ihre Kreuz und Knixe.
28. Um auch garnichts zu verhehlen,
will ich Dir jetzt Deutsch erzählen,
wie ich noch von diesen Horden
durch und durch verschissen worden.
Doch sollte die Beschreibung dir
anstößig sein, verzeihe mir!
Kinder muß man, sie zu kennen,
mit dem rechten Namen nennen.
29. Daß jeder Ecken, jeder Weg,
wie jeder Platz und jeder Steg
so ganz und gar verschissen war.
Das dünkte dir nicht sonderbar,
denn all den Speck und Sauerkraut
ließ schnell den Magen voll verdaut,
um andre Speisen einzuführen
den bekannten Gang marschieren.
30. Des Morgens schon in aller Früh
marschierten sie in Compagnie
ganz ohne Scham vor jedes Haus
und schütteten die Buxen aus.
Überall vor jeder Türe
saßen sie wie Kanoniere,
machten die Kanonen bloß
und feuerten Kartätschen los.
31. Hier liefen zehn in einem Rand,
die Hosen auf und in der Hand,
dort saßen zwölf im Ring herum
und machten für sechs Morgen Dung.
Vom Zinnereck an dem Weg
in großer Reih bis an den Steg,
saßen diese Ungeheuer,
legten an und gaben Feuer.
32. Auch fing die alte Kegelbahn
so jämmerlich zu stinken an
wie Madame Stix im Höllenfluß
samt ihrem Mops, den Cerberus,
nur die braven Offiziere
machten so wie andre Tiere
kurz und kräftig um die Wette
ohne weiters in die Bette.
33. Doch endlich reist mit Sack und Pack
auch dieses Hundsgesindel ab.
Dank noch, daß sie uns indessen
nicht mit Haut und Haar gefressen.
Jetzt leben wir von milden Gaben
guter Menschen, und wir haben,
während wir nach Brot verlangen
nichts zu tun als Läus zu fangen.
34. Nun hab ich, Sohn, dir alles frei
erzählet, und es bleibt dabei
nichts übrig, als uns nur zu schämen
und uns selbst am Ohr zu nehmen.
Was uns noch ans Leben kettet,
was uns vor Verzweiflung rettet,
was uns stärket in den Leiden,
ist die Hoffnung bessrer Zeiten.
35. Denn so lang noch Menschen leben,
die dem Schnupfen sind ergeben,
sind die lieben Tabaksdosen
ganz nicht aus der Welt gestoßen.
Hört, ihr Fürsten aller Staaten,
die von Gott erhalten haben,
Völker um sie zu regieren
und zum wahren Glück zu führen.
36. Eltern, Lehrer und Vormünder,
die ihr um die lieben Kinder
sowohl für Zeit und Ewigkeit
zu bilden streng verpflichtet seid,
wollt ihr euern Zweck erreichen,
und eures Amtes würdig zeigen,
krumm und grad laßt alles sein,
nur führt schnell das Schnupfen ein!
37. Götterweisheit, Heldentugend,
bei den Alten und der Jugend
werden nur soweit gedeihn,
als sie sich dem Schnupfen weihn.
Ist überall, wie sich gebühret
das Tabakschnupfen eingeführt,
so soll wie an dem Branntewein
an Dosen auch kein Mangel sein.
38. Was ihr großen Müßiggänger,
faulen Schlingel, Bänkelsänger,
führt denn bis zum Augenblick,
euch der Satan an den Strick?
All dies eitle Herrenhoffen
macht euch euren Topf nicht kochen,
nur höchstens in Gedanken reich
auf diesen Reichtum hust ich euch!
39. Beseitiget die Kleidertracht
merket was ein Sprichwort sagt:
'Ein Stückchen Brot ist noch so gut
als hundert Federn auf dem Hut.'
Flieht das Wirthshaus, sucht zu meiden
übertriebne Lustbarkeiten.
Eure Späße, Spiele, Tänze,
macht den Kröten keine Schwänze.
40. Macht ein jeder sich auf seine
faulen und verwöhnten Beine,
greif zum Spaten und zum Pfluge
mit Behendigkeit und suche,
soll es mit euch besser werden,
seine Äcker, Wiesen, Gärten,
die schon längst verwähret liegen,
selbst zu bauen und zu pflügen.
41. Ihr besonders Dosenmacher,
säet Weizen, Gerste, Hafer,
setzt Kartoffeln, bauet Rüben,
pflanzet ferner nach Belieben
Erbsen, Linsen, Kraut und Bohnen.
Auch wird sichs der Mühe lohnen,
wenn ihr eure Wiesen bessert
und sie gut und fleißig wässert.
42. Äpfel-, Birn-, Pflaumenbäume
pflanzet auf die leeren Räume
Pappelbäume, die Holz abgeben.
An den Rand der Wassergräben
ziehet Ochsen, Kühe, Kälber,
denn sie kommen nicht von selber
und anstatt auf Putz, ihr Frauen,
haltet mehr auf Ferkelsauen!
43. Haltet Schafe, denn sie geben
Wolle, Fleisch und Fell daneben.
Strickt auch Strümpfe, flickt die Kleider,
spinnet Linnen und so weiter.
Und sollte schwer der Anfang sein,
so richtets nach dem Sprichwort ein,
wer keine Kuh noch halten kann,
der fang mit einer Geiße an.
44. Suchet schön, denn ich muß scheiden,
euch dies hinters Ohr zu schreiben,
daß ihr, komm ich nächstens wieder,
klüger seid und auch solider.
Adieu, insgesamt zugleich
der liebe Gott im Himmelreich
behüte und bewahre euch!
Vor allem Übel, Amen."
Last update: 13.11.2004 © Paul Glass 1997 - 2001 ff