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2.3.2 Die Russen in Ensheim (1813)


Im Jahr 1814, während der Befreiungskriege der Alliierten gegen Napoleon, lagen in Ensheim und Umgebung russische Truppen. Diese haben bei der Bevölkerung einen wirklich nachhaltigen Eindruck hinterlassen, vor allem, weil sie ihre Notdurft ungeniert mitten im Dorf verrichteten(!), wovon das nachfolgende zeitgenössische Gedicht des in Ensheim gebürtigen Pfarrers Peter Bläs Zeugnis gibt (abgedruckt in der Ortschronik Ensheim, S. 61 ff).

Pfarrer Bläs datiert die Ereignisse fälschlicherweise auf das Jahr 1813, aber da standen die Gegner Napoleons noch alle jenseits des Rheins. Nach dem äußerst verlustreichen Russland-Feldzug 1812 erklärten ja zunächst Preußen (am 17. März 1813) und später Österreich (am 11. August 1813) Napoleon den Krieg, weil sie hofften, die jetzt derart geschwächten Franzosen doch noch besiegen zu können, um das in ihren Augen von Napoleon in Europa angerichtete Chaos wieder beseitigen zu können. Allerdings konnten sich die Franzosen noch Monate lang in Mitteldeutschland mehr oder weniger behaupten, standen aber ab dem Seitenwechsel der Österreicher einer Koalition aller europäischen Großmächte gegenüber. In den Allianzverträgen von Teplitz vom 9. September zwischen Österreich, Preußen und Russland beschlossenen die Koalitionäre als wichtigstes Kriegsziel die Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts auf der Basis der Grenzen von 1805.

Einem Mehrfrontenkrieg war das neu aufgestellte napoleonische Heer alledings auf Dauer nicht gewachsen, zumal Anfang Oktober auch das mit Frankreich verbündete Königreich Bayern die Seiten gewechselt hatte. Der Herbstfeldzug des Jahres 1813 gipfelte im Oktober in der Völkerschlacht bei Leipzig, die Napoleon verlor. Danach musste sich der französische Kaiser hinter den Rhein zurückziehen, wo er die Zeit bis zum nächsten Frühjahr für neue Rekrutierungen nutzen wollte.

So viel Zeit wollten ihm aber die Verbündeten nicht lassen, die allen Ernstes mitten im Winter zum Jahresbeginn 1814 den Übergang über den Rhein bei Kaub wagten. In den verschiedenen Koalitionsarmeen standen nicht nur Landsleute einer Nation. So bestand z. B. die »Böhmische Armee« aus 127.000 Österreichern, 82.000 Russen und 45.000 Preußen. Auch die »Schlesische Armee« war binational besetzt: aus 66.000 Russen sowie 38.000 Preußen. In der »Nordarmee« unter dem schwedischen Kronprinzen Karl Johann standen schließlich 73.000 Preußen, 29.000 Russen sowie 23.000 Schweden.

Welche »Russen« welcher Armee wahrscheinlich 1814 im Dorf Ensheim standen, ließ sich bisland nicht ermitteln. In fast allen Armeen der Koalition waren auch russische Truppen vertreten. Vermutlich handelte es sich um Teile der Schlesischen Armee unter dem Kommando von General Blücher, die nach dem Rheinübergang am Neujahrstag 1814 über Mainz und Kaiserslautern rasch nach Süden und dann nach Westen vorstieß und am 18. Januar bereits Nancy in Lothringen erreicht hatte und fünf Tage später bei Joinville über die Maas übersetzte.

Dieser Winterfeldzug, mit dem Napoleon nicht gerechnet hatte, bedeutete für die Zivilbevölkerung der Durchzugsgebiete und der Aufmarschgebiete für verschiedene Schlachten eine doppelte Last: Zum einen mussten sie die Soldateska und die damit oft verbundenen soldatischen Ausschweifungen ertragen, zum anderen mussten sie die meist karg bemessenen Wintervorräte mit den Truppen teilen.


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Last update: 17.10.2015            © Paul Glass 1997 ff