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2.4.2 Ensheim in der Zeit des Völkerbundes (1920 - 1935)

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg vergrößerte noch die ohnehin schon große Not im Land - auch in Ensheim. Wer aus dem Krieg heil zurückkehrte, stand zunächst ohne Arbeit da. Die Ortschronik beschreibt die triste Lage:

Viele Ensheimer Bürger, die in (den Werken der Firma Adt) gearbeitet hatten, wurden arbeitslos. Viele arbeiteten nun in der Forstwirtschaft, andere fristeten durch Steinbrechen auf dem Wickersberg ihr Leben und übernahmen überhaupt jede mögliche Arbeit, um sich und ihre Familien durchzubringen.

Waren 54 Männer während des Krieges gefallen, so starben noch gut 20 weitere Ensheimer an den Folgen ihrer schweren Kriegsverletzungen.

Der verlorene Krieg bedeutete aber auch die Besetzung der Heimat mit fremden Truppen. So waren in Ensheim nicht nur zurückkehrende deutsche und österreichische Soldaten, sondern auch französische Besatzer untergebracht. Die Ortschronik berichtet über manche Konflikte zwischen Besatzern und Einheimischen, sicherlich oft provoziert durch das Verhalten der Besatzungssoldaten.

Rolf Wittenbrock beschreibt die allgemeine Lage in den besetzten Gebieten so:

Die deutschen Verwaltungen wurden der Aufsicht der Besatzungsoffiziere unterstellt, mißliebige, d. h. nicht ausreichend kooperationsbereite Beamte und Bürgermeister wurden entlassen und ausgewiesen. Grundrechte wurden erheblich eingeschränkt, es gab Ausgangssperren und ständige Paßkontrollen. Für Reisen in Nachbarorte waren Sondergenehmigungen der Militärs erforderlich, und auch die Presse wurde einer strengen Zensur unterworfen."

Im Versailler Vertrag von 1919 wurde u.a. bestimmt, daß Deutschland die Saargruben an Frankreich abtritt und das Saargebiet für die Dauer von 15 Jahren unter die Verwaltung des Völkerbundes ( Karte, 75 KB) gestellt wird. 

Die territorialen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags 1919

Die dafür vorgesehene Regierungskommission begann ihre Arbeit am 27. Februar 1920. Die von französischen Interessen beherrschte Kommission konnte sich das Vertrauen der saarländischen Bevölkerung nicht sichern - zu groß war das Misstrauen, von den Franzosen insgeheim vereinnahmt zu werden. Den östlichen Teil des neugeschaffenen Saargebietes bildete die Saarpfalz, die vom früheren Königreich Bayern abgetreten werden musste. (Karte, 218 KB)

Im Gegenteil: die saarländische Bevölkerung, auch in Ensheim, ließ keine Gelegenheit aus, ihr Deutschtum zu demonstrieren. Seit Dezember 1931 gab es auch in Ensheim eine Ortsgruppe der NSDAP. Als Parteilokal wurde die Gastwirtschaft Bischof auserkoren. Erst nach der Machtübernahme der NSDAP im Reich 1933 wuchs auch die Ortsgruppe in Ensheim, die voller Begeisterung in den von der Partei propagierten "Kampf um die Saarabstimmung" einstieg - allerdings, wie andernorts auch, unter dem Deckmantel der "Deutschen Front"! Nur wenige, wie der ehemalige Ensheimer Pfarrer Franz, warnten nachdrücklich vor dem Nationalsozialismus. Die Befürworter der Status-Quo-Lösung trugen täglich die sog. "Status Quo-Zeitungen" aus, um für diese Abstimmungsvariante zu werben. Aber sie blieben hoffnungslos in der Minderheit. So war auch vorhersehbar, wie sich die Ensheimer bei der Volksabstimmung am 13. Januar 1935 entscheiden würden: für den Anschluß an Deutschland! Zum Schluß hatten 90,4 % der 2868 wahlberechtigten Ensheimer dafür gestimmt! Nur 8,8 % waren für den Status Quo; lediglich 22 Ensheimer (= 0,8 %) waren für den Anschluss an Frankreich!

Die Ortschronik berichtet über die Siegesfeier:

Nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses am 15. Januar 1935 herrschte größte Begeisterung im Dorfe. Im Nu erschienen überall die neuen deutschen Fahnen, und die Häuser waren in kurzer Zeit geschmückt wie sonst nur an Fronleichnam."

Wie sehr dieses Ergebnis erhofft worden war, zeigt etwa die Reaktion der Ensheimer Ortsgruppe der Reichsvereinigung ehem. Kriegsgefangener, die nach der Saarabstimmung beschloß, ein Dankschreiben an den »Führer Adolf Hitler« persönlich zu richten.

Das damalige Abstimmungsverhalten war aus heutiger Sicht der größte historische Fehler, den sich die Ensheimer fast in toto "geleistet" haben: ohne Not für Hitler zu stimmen und dies in voller Kenntnis der reaktionären Politik der Hitler-Diktatur. Alle Ja-Sager von damals müssen sich ins Stammbuch schreiben lassen, dass sie sich ohne Zwang für Hitler-Deutschland entschieden haben, obwohl sie wussten, dass in Deutschland

Warum sollte es den Saarländern nun anders ergehen? Hat sich wirklich jemand eingebildet, Hitler würde sich den Saarländern gegenüber aus Dankbarkeit anders verhalten? Eigentlich kann das nicht sein: Jeder Ja-Sager muss sich bewusst gewesen sein, was er mit seinem Votum zur Rückgliederung auslösen wird. Die nationalistische "Deutschland-Besoffenheit" hatte offenbar den Verstand der meisten Ensheimer ausgeschaltet.


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Last update: 30.08.2006                    © Paul Glass 1997 - 2001 ff