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Home / Die Ensheimer Geschichte im Überblick / Ausschnitte aus dem politisch-kulturellen und sozialen Leben in Ensheim / Ensheimer Sagen und Geschichten /
Im Siedelwalde gibt es eine wunderschöne Wiese. Sie ist auf allen Seiten von hundertjährigen Bäumen umgeben. Im Frühjahr blühen dort die leuchtenden, goldgelben Schlüsselblumen und am Waldrande die allerliebsten Maiglöckchen. Im Herbst glänzen über dem Grün die feierlichen, geheimnisvollen Herbstzeitlosen, die giftig sind, und die man nicht berühren darf.
Eines
Tages – der September nahte schon heran – machte sich der Sohn des Bauern,
dem die Wiese gehörte, in frühester Morgenstunde auf den Weg, um das Grummet
zu mähen. Weil ein sehr heißer Tag bevorstand, wollte der Bursche seine Arbeit
in den kühleren Morgenstunden verrichten. Als er von Ensheim dem Siedelwalde
zuschritt, war es noch dunkle Nacht. Glücklicherweise kannte er den Weg, denn
sonst hätte er an diesem Morgen seine Wiese nimmermehr gefunden. Es lag ein
Nebel über dem Lande so dick wie Watte. Den Wald bemerkte er erst, als die
tautriefenden Buchenzweige sein Gesicht streiften. Er ging dem Waldrande
entlang, bis er den Pfad fand, der in das Gehölz führt. Bald nahm der Nebel über
den Wipfeln der Buchen eine rosenrote Farbe an, und es wurde heller. Als der Jüngling
sich seiner Arbeitsstätte näherte, hörte er zu seiner Verwunderung einen
zarten, mehrstimmigen Gesang. Er blieb stehen und lauschte. Die wunderlichen Klänge
schienen von der Wiese zu kommen. Mit unhörbaren Schritten schlich er auf dem
weichen Moose den Pfad entlang und erreichte bald den Rand der Lichtung.
Richtig, von der Mitte der Wiese tönte ihm die süßeste Melodie entgegen, wie
er noch keine in seinem Leben gehört hatte. Es wurde ihm dabei so weh und
wieder so wohl um die Brust, dass er seiner Arbeit ganz vergaß. Er lehnte die
Sense an einen Baumstamm und lauschte mit verschränkten Armen dem berückenden
Singsang. Der Nebel wurde dünner, schon schimmerte blassgrau das Himmelsgewölbe
hindurch. Dann brachen glutrot die ersten Strahlen der Morgensonne durch das
dunkle Blätterwerk des Buchenwaldes, und die ganze Wiese erglühte in rosarotem
Nebelglanz. Nun sah er, was er noch niemals gesehen, und was schöner war als
die Wundes des Traumes. Drei Wiesenfräulein tanzten auf dem grünen
Rasenteppich einen Reigen. Sie hielten sich bei den Händen gefasst und drehten
sich langsam mit wiegenden Bewegungen im Kreise. Dazu sangen sie eine so schwermütige
Weise, dass den Burschen eine unstillbare Sehnsucht befiel. kein Auge konnte er
mehr von ihnen wenden.
Sie
trugen Schleierkleider, zarter als die feinste Seide. Die wallten im Takt des
Gesanges feierlich über dem taufrischen Gründen. Kaum schienen die schlanken
Gestalten mit den weißen Füßen die Spitzen der Gräser zu berühren, so
schwebsam war der Tanz. Ihr Haar war gelöst und umfloss die leuchtenden
Glieder, dass die Arme aus ihm, bald hier bald da, wie aus schimmernden Fluten
emportauchten. Von unwiderstehlicher Sehnsucht gezogen, ging der Jüngling auf
den Riegen zu, ihn näher zu schauen. Eine war blond wie Flachs und hatte Auge
von der Farbe der Kornblume. Ihr Anblick zerstörte alle Erinnerung. Die zweite
war braun wie der Glanz der Kastanie. Ihre Augen waren blassgrau und tief wie
das Wasser des Meeres. Sah man hinein, so gab es einem einen Stich in Herz. Die
dritte war schwarz wie der Nachthimmel von Augen und Haaren. Wenn er sie ansah,
begann er zu taumeln. Alle drei aber hatten irgendetwas in ihrer Erscheinung,
was anders war als bei den Menschenkindern, ohne dass er recht sagen konnte, was
es sei. Ihre Augen waren weiter, ihre Haare länger, ihre Gestalt schmächtiger.
Die Haut erschien durchsichtig und leuchtend, und sie waren nicht größer, als
zwölfjährige Mägdlein zu sein pflegen.
Während
der Bursche noch mit offenen Munde auf den Reigen starrte, und, wie er meinte,
von den schönen Mädchen gar nicht beachtet wurde, öffneten die drei urplötzlich
den Tanzkreis, ohne den Reigen zu unterbrechen, und wie sie ihn gleich darauf
wieder schlossen, hatte die Schwarze den Jüngling bei der rechten, die Braune
ihn bei der linken Hand ergriffen, und schon fühlte er, wie sein Körper über
dem Grase zu schweben und sich mit ihnen im Kreise zu drehen begann. Der
wunderbare Gesang stieg ihm wie ein schwerer Wein in den Kopf, er fühlte, dass
ihn ein Schwindel erfasste, aber es war ein glückseliges Gefühl; denn aus den
Händen der Mädchen, welche die seinigen hielten, drang ihm ein süßer Rausch
zu Herzen, dass er Gott und die Welt vergaß und ihm die Sinne schwanden. Er
glaubte noch ein tolles, klirrendes Gelächter zu vernehmen, das wie aus
unendlicher Ferne kam, dann wusste er nichts mehr von sich...
Um
elf Uhr vormittags ging sein Vater, der alte Bauer, nach dem Siedelwalde, um
nachzusehen, wie weit sein Sohn mit der Grummeternte gekommen sei. Verwundert
sah er am Rande der Wiese die Sense stehen. Gemäht war nichts. Die Bienen
summten über den Klee, und die Waldschmetterlinge naschten an den weißen und
gelben Sternblumen, die hin und wieder zwischen den Gräsern blühten. Auf der
Mitte des Wiesenplanes lag etwas Dunkles. Als er hinzutrat, sah er seine
Sohn in tiefem Schlafe liegen. Wie er ihn wecken wollte, merkte er, dass
es kein gewöhnlicher Schlaf war. Es dauerte gar lange, bis er den Burschen
munter bekam, und auch dann taumelte er noch wie ein Trunkener. Da wusste der
Alte, dass die Wiesenfräulein ihr Wesen mit ihm getrieben hatten, wie das in
diesem Walde nicht gar selten vorkam. Wahrscheinlich hatte ein Hahnenschrei oder
ein Morgenruf die Geister verscheucht, sonst hätten sie den armen Jungen zu
Tode getanzt, wie es ihre Art ist. Bald fand der Bauer seinen Verdacht bestätigt;
denn um den Platz, wo er den Sohn angetroffen hatte, wuchsen im Kreise die
Hexenpilze, die immer da wachsen, wo die Unheiligen ihren nächtlichen Reigen
tanzen.
Quelle: August Diehl: Saarlandsagen. Ein deutsches Volksbuch für Jung und Alt. Würzburg: Amend 1934, S. 53 - 55
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© Paul Glass 1997 - 2003 ff
Last update: 27.12.2004