seit Februar 1997 online ...

Home / Die Ensheimer Geschichte im Überblick / Ausschnitte aus dem politisch-kulturellen und sozialen Leben in Ensheim / Ensheimer Sagen und Geschichten /


6. Die Klostermühle bei Ensheim

In alter Zeit stand in der Ensheimer Gegend eine einsame Mühle, die heute [1934; PG] verfallen ist. Sie gehörte dem Kloster Wadgassen und war an einen tüchtigen Müller verpachtet, der ganz allein sein Handwerk darin betrieb. Denn es war ein armer Mann, und er konnte sich keine Knechte halten. Auch brachte die kleine Mühle nicht viel ein. Wenn er seinen Pachtschilling bezahlt hatte, blieb ihm gerade noch das übrig, was er zum Leben brauchte. Das verdroß den braven Mann keineswegs. Er war zufrieden und immer bei guter Laune.

Als er einmal an einem nebelgrauen Tage das Gebälk am Mühlenwehr ausbesserte, hörte er ein schrilles Geschrei wie von einem Kinde. Es kam aus den Binsen am Ufer des Mühlteiches und klang gerade so, als ob dort ein Kind am Ertrinken wäre. Schnell sprang der Müller hinzu und watete stracks ins Wasser hinein; denn er sah, daß dort etwas zappelte. Er faßte das sonderbare Ding mit beiden Händen und kehrte mit ihm triefnass ans Ufer zurück. Es war wirklich ein lebendiges Wesen, aber wie merkwürdig sah es aus. Es glich einem alten Manne und war doch nur drei viertel Ellen hoch. Dabei hatte es einen ungeheuer großen Kopf. Der saß auf einem zierlichen dürren Körperchen. Auch hatte der kleine Kerl einen Buckel und einen langen schneeweißen Spitzbart. Sein durchnässtes Kittelchen aus grauem Zeug war von sonderbarem Schnitt. Über sein fahles, runzliches Gesicht fielen wirre Haarsträhnen, die vom Wasserschlamm beschmutzt waren. Das Kerlchen war barhaupt. Weit im Mühlteich sah der Müller seine graue Zipfelkappe schwimmen und das knorrige Eichenstöckchen.

Der Kleine zitterte vor Kälte. Er hustete röchelnd das schlammige Wasser aus der Brust, das er eingeschnappt hatte. Der Müller nahme das absonderliche Wesen behutsam auf den Arm und trug es nach der Mühle. Dabei bemerkte er zu seiner großen Verwunderung, daß der kleine Mann Gänsefüße hatte, die breit und gelb aus dem Hosenbein heraushingen. Nun wußte er, daß es kein Menschlein war, was er da im Arm hatte. Aber er sagte nichts darüber, sondern tat so, als ob er die Mißgestalt gar nicht sähe.

In der Mühle heizte er den Kachelofen ein. Er legte den Kleinen in sein eigenes Bett und kochte ihm einen heißen Tee von Minzkraut. Die Kleider des Männleins wurden am Ofen getrocknet; der Müller gab ihm einstweilen eine von seinen Jacken, worin er sich bis über den Kopf einhüllen konnte. Trotzdem bekam es Fieber, und eine Woche lang lag es krank in des Müllers Stube. Der bezog während dieser Zeit sein Lager auf der Ofenbank. Er labte den Kranken mit Milch, Eiern und Pfannkuchen, schlachtete auch ein Hühnchen und brachte ihn auf diese Weise wieder zu Kräften.

Bald begann der Kleine mit seinem Pflegevater zu plaudern. Er verriet ihm, daß er ein Wichtel sei und mit gar vielen seinesgleichen im Gumberberge hause. Zuweilen käme er in den Mühlgrund herab. Im Mühlteich wohne ein Nix. Der sei ihm schon lange feind und habe ihn hinterrücks ins Wasser gestoßen. Dem Müller gefiel das behagliche Geplauder mit seinem Wichtel so gut, daß er ihm vorschlug, eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Der Kleine aber meinte, es ging leider nicht, und schon am folgenden Tage, nachdem er vom Krankenlager aufgestanden war, nahm er Abschied von seinem Retter. Es fiel ihm gar nicht ein, auch nur ein einziges Wörtlein des Dankes zu sagen für all die Mühe, die der hilfreiche Mann aufgewendet hatte, doch der gutmütige Müller merkte das nicht einmal. Er holte die Zipfelkappe und das Stöckchen, die er mittlerweile aus dem Mühlteich herausgefischt hatte, und händigte beides seinem scheidenden Freunde aus. Der ergriff mit heller Freude sein geliebtes Wanderstöckchen. Die Zipfelkappe schob er unter den Latz seines Kittels.

Sie verließen zusammen die Mühle; denn der Müller wollte seinen Gast bis an den Rand des Waldes begleiten. Als sie am Mühlteich vorüberkamen, zeigte der Wichtel dem Müller den Platz, wo ihn der Nix vom Mühldamm gestoßen hatte, und richtig, wie sie näher kamen, hüpfte plötzlich ein ungeheurer Frosch mit garstigen Glotzaugen vor ihnen in das Binsengesträuch, daß ihnen das Wasser ins Gesicht spritzte. Da lachte der Wichtel und wischte sich mit seinem Barte die naß gewordene Nase. Der Müller aber drohte dem Wasserunhold mit der Faust, um ihm zu zeigen, daß der Kleine jetzt einen Beschützer habe. Dann reichte der Wichtel dem Müller die kleine, dürre Hand und sah ihm so freundlich in die Augen, als ob er noch etwas wüßte, was er ihm jetzt nicht sagen dürfe. Der Müller drückte wehmütig die Wichtelhand; denn er dachte daran, wie mutterseelenallein er jetzt wieder auf seiner Mühle hausen müsse. Eben wollte er dem Scheidenden noch ein liebes Wort sagen und ihn fragen, ob er nicht einmal wiederkommen könne, da zog der Wichtel die Kappe aus dem Wams und setzte sie auf. Im gleichen Augenblick war er verschwunden. Es war natürlich eine Tarnkappe, wie sie dieses Volk zu tragen pflegt.

Traurig ging der Müller nachhause. Um seine Einsamkeit zu vergessen, arbeitete er noch fleißiger als sonst in der Mühle und in dem kleinen Hausgarten, der dazu gehörte. Bald gingen allerart merkwürdige Dinge vor. Über Nacht waren die Säcke aufgestapelt. Das Mühlrad war geputzt. Wenn er anderwärts beschäftigt war, schüttete jemand das Getreide in den Trichter, sodaß die Mühle niemals leer lief. Auch wurde das Mehl so blendend rein und gut, wie es keine andere Mühle herstellen konnte. Bald mußte er allen Bauern in der Gegend das Getreide mahlen und wurde, obwohl er keinen Knecht hatte, immer damit fertig. Sein Garten warf dreifache Ernten ab. Der Hühnerhof brachte soviel Eier, daß er den größten Teil verkaufen mußte. In wenigen Jahren war der Müller ein wohlhabender Mann. Da zog er nach einem Städtchen an der Saar, um im Alter noch ein wenig mit den Menschen beisammen zu sein.

Sein Nachfolger, dem der Abt von Wadgassen die Mühle nun verpachtete, war ein ganz anderer Mensch. Der wollte schnell an der guten Wirtschaft, die er übernahm, ein reicher Mann werden. Und da er habsüchtig war, war er auch geizig. Von der Hilfe des Wichtelvolkes wollte er nichts wissen, denn er fürchtete, die Männlein könnten ihm ein Stück Brot, ein Ei, ein paar Äpfel oder sonst etwas stehlen. Und das gönnte er ihnen nicht. Wenige Tage, nachdem er die Mühle bezogen hatte, sah er ein graues Männchen auf der Halde über dem Mühlwehr. Es war da ein Loch in der Erde, und der Kleine mühte sich vergeblich, einen Stein davor zu rollen. Da kam es zum Müller getrippelt und bat ihn, den Stein vor das Loch zu legen. Es war ein Felsstück, das der starke Mann leicht hätte auf dem Arm tragen können. Der aber gab dem Stein einen Fußtritt, daß er den Abhang hinab ins Tal kollerte, und schlug dazu ein Hohngelächter an. Er nannte das Wichtelvolk ein Diebespack, schimpfe es Gänsefüßler, die ihm vom Leibe bleiben sollten. Er wußte nicht, daß diese Kerlchen ebenso rachsüchtig sein können, wie sie hilfreich sind, und daß Gänsefüßler für sie die schwerste Beleidigung ist.

Und sie haben sich gerächt. Sein Mehl wurde immer schlechter. Die Mühldämme rutschten ab, das Wehr brach durch. Alle paar tage blieb das Mühlrad stehen, weil sich etwas eingeklemmt hatte. Im Garten wollte nichts wachsen. Die Hühner legten keine Eier mehr. In Jahresfrist war die Mühle so heruntergewirtschaftet, daß der Abt den Müller davonjagte. Der schied als ein bettelarmer Mann und wurde Landstreicher.

Mundartversion

Alternative Veröffentlichungen: 


Quelle: August Diehl: Saarlandsagen. Ein deutsches Volksbuch für Jung und Alt. Würzburg: Amend 1934, S. 43 - 46


Anfang | Auswahlseite Sagen | Inhaltsverzeichnis | Mindmap | Nächstes Kapitel


© Paul Glass 1997 - 2003 ff

Last update: 27.12.2004