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2.7.1 Die Geschichte der Ensheimer Dosenindustrie

1. Die Anfänge

Lesen Sie zu den Anfängen der Ensheimer Dosenindustrie  eine Originalquelle über die "Verpflanzung der Dosenmacherei in unsere Gegend" aus dem Jahre 1884 (gekürzt):

"Die sogenannte Gassenmühle bei Ensheim, die klösterlich Wadgassische Bannmühle ist die eigentliche und älteste Geburtsstätte der Dosenmacherei und der jetzigen Gebrüder Adt'schen Industrie. Dieselbe hatte Mathias Adt, Sohn des Bliesmüllers, Johann Michael Adt zu Frauenberg, als Erbpächter inne.

Dieser, als ein richtiger, gewanderter und erfahrener 'Mühlknappe oder Mühlarzt'..., in der Holzverarbeitungskunst wohl erfahren, verstand außer dem Wesentlichen des Schreiner- und Zimmerhandwerkes und der niedern Mechanik, auch die Kunst, Bilder in Holz zu schnitzen. (...)

Dieser Erbpachtsmüller Mathias Adt ... war es, welcher sich in unserer Gegend zuerst damit befaßte, Dosen in Holz zu schnitzen und zwar im Jahre 1739.

Das Material dazu, gemasertes Holz, fand er reichlich in den Gebüschen in der Umgebung der Mühle, und im nahen Walde. Den edleren Bux dazu lieferten ihm die Bauerngärten von Ensheim, Ormesheim und Eschringen, wo derselbe in schönen, alten, kräftigen Exemplaren (zum Zwecke der Palmenweihe am Sonntag vor Ostern) kultiviert wurde.

Abnehmer seiner Dosen waren ursprünglich die Herren Fratres des Klosters Wadgassen, welche der Seelsorge in vielen Ortschaften des Saar-, Blies und Rosselgebietes oblagen, in welchem die Abtei die Collatur und das Besetzungsrecht (ius patronatus) besaß. (...)

Durch die Conventsmitglieder der Abtei Wadgassen wurden auch die Insassen der andern Klöster in der ferneren Umgebung der Gassenmühle nach und nach Abnehmer. So unter andern auch die Klöster Grävinthal, Saargemünd, Bolchen, Blieskastel und Homburg.

Die Abnehmer der Dosen aus den Klöstern nannten diese Dosen, weil sie von einer Mühle oder einem Müller herrührten, 'Müllerdosen'. Die Abnehmer jedoch aus weltlichen Kreisen der Laien oder weltlichen Schnupfer nannten sie 'Klosterdosen', weil sie in erster Linie vom Kloster Wadgassen mit solchen versehen wurden.

Heute noch sind diese Benennungen in Deutschland gang und gäbe (...). Mit diesen Benennungen werden eben nur gewisse Spezialitäten von Dosen bezeichnet, welche zuerst auf der Klösterlich Wadgassischen Gassenmühle hergestellt und ihrer gefälligen Form wegen heute noch beliebt sind und begehrt werden.

Die von Martin um dieselbe Zeit erfundene ... Papierdose konnte den Conventsmitgliedern des Klosters Wadgassen, welche in weiten Bezirken in Lothringen, im ehemaligen Fürstentum Saarbrücken und in der heutigen bayerischen Pfalz zerstreut als Pfarrer wirkten, nicht lang unbekannt bleiben. Der Abt von Wadgassen, dessen Verbindungen sich ebenfalls weit nach allen Richtungen erstreckten, suchte sich einige Exemplare der Martinschen Dose zu verschaffen, welche er seinem Erbpachtsmüller Mathias Adt auf der Gassenmühle zur Nachahmung derselben übergab.

Einsehend, daß die leichte Art und Weise der Anfertigung der Papierdose ihm bedeutend mehr Vortheile gewähren werde, als das viel schwierigere Schnitzen in Holz, warf sich Mathias Adt mit Eifer und Geschick auf diesen Zweig der Industrie, ohne jedoch das Holzdosenschnitzen ganz auf die Seite zu schieben, da die Holzdose auch in der Folge ihre Anhänger und Abnehmer behielt.

Anfänglich fertigte Mathias Adt ... nur runde Papierdosen, wie die ihm in die Hand gelieferten Muster. Bei dieser Form blieb er jedoch nicht stehen; denn bald entstanden unter seiner kunstgeübten Hand Dosen in allerlei Gestalten, die alle schon einen bedeutenden Fortschritt in der Dosenmacherei bekundeten.

Als ihm seine Söhne nach und nach in die Hand wuchsen, unter denen sich einige durch ihr besonderes Talent in der Anfertigung von Dosen hervorthaten, worin sich namentlich der Urgroßvater der Herren Gebrüder Adt, Peter Adt, der spätere herrschaftliche Meier zu Ensheim, vortheilhaft auszeichnete, da konnte Mathias Adt seinen Geschäftsbetrieb mehr und mehr ausdehnen und seinen von Jahr zu Jahr sich erweiternden Kundenkreis mit seiner Waare bedienen.

(...)

Während der nächsten fünfzig Jahre, von dem Anfange der Dosenindustrie auf der Gassenmühle an bis zum Jahre 1789, verschob sich aber die Lage dieser Industrie sehr bedeutend. Das Jahr 1788 war ja, so wie für's ganze Land, auch für Ensheim ein großes Nothjahr, denn die Schlossen hatten die ganze Ernte vernichtet, was eine über das ganze Land verbreitete Hungersnoth im Gefolge hatte. Und gerade dieser Umstand machte viele Ensheimer der Landwirthschaft abspänstig und trieb sie der Dosenmacherei in die Arme, weil dieses Geschäft einen sichereren Gewinn abwarf, als der Ackerbau.

Den mächtigsten Impuls zum Aufschwunge erhielt die Dosenindustrie jedoch erst von da ab bis zum Schlusse des vorigen Jahrhunderts durch die Revolution, welche, einige Betriebsstörungen abgerechnet, statt derselben zu schaden, sie unaufhaltsam in neue, bessere Bahnen drängte, wozu auch das nachfolgende Consulat und Kaiserreich, besonders im ersten Dezennium unseres Jahrhunderts, das ihrige beitrugen.

Damals entstanden Dosen im feinsten, der damaligen kriegerischen Zeitrichtung entsprechenden Geschmacke, welche dieser Industrie, namentlich was die Dekoration der Dosen betrifft, beständig neue Nahrung zuführte.

Solche Dekorationen waren entweder Kupferdrucke, welche auf einem Tongrund abgelöst wurden, und Revolutions- und Kriegsscenen oder namhafte Persönlichkeiten der Republik und des Consulats und des Kaiserreichs oder in Gold- und Silbergrund radierte Kriegs- und Siegestrophäen und auch Landschaften und Stilleben darstellten.

Alle diese verschiedenartigen Dekorationen wurden nach und nach in einen einzigen Begriff zusammengefaßt, den man mit dem Ausdruck 'Trophés' bezeichnete."

(Quelle: Werbeschrift des MGV Liederkranz zu seinem 125jährigen Bestehen 1978)


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Last update: 27.12.2004                    © Paul Glass 1997 - 2001 ff