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Blick über den Tellerrand


Ruez-Projekt


Ludwig Ferdinand Ruez oder später Luis Fernando Ruez war ein deutscher Argentinien-Auswanderer, der bei seinem Tod 1967 seinen Nachkommen eine über 300 Seiten umfassende Familien-Chronik hinterließ. Diese Familien-Chronik wurde in Argentinien bereits wissenschaftlich aufbereitet, sofern es die argentinische Epoche der Ruez'schen Biografie betrifft:
Regula Rohland de Langbehn (Hg.): Huellas dispersas de Luis Fernando Ruez, médico, antropólogo y escritor. Buenos Aires 2021 (Publicaciones del Centro DIHA. Cuadernos del archivo 5, 2021, H. 9).

Luis Fernando Ruez ist während seiner Zeit in Argentinien (1921-1967) als (falscher) Arzt aufgetreten und hat jahrelang in unterschiedlichen Orten und Einrichtungen, aber auch immer wieder als niedergelassener Mediziner praktiziert. Nachdem bereits 2021 Zweifel an seinem beruflichen Werdegang als Mediziner aufgetaucht waren, habe ich seine in Deutschland verlebte Zeit (1885-1921) und seine diesbezüglichen Eintragungen in der Familien-Chronik einer ausgiebigen Recherche unterzogen, deren Ergebnis ich an dieser Stelle allen Interessierten zugänglich machen möchte:

Biografie von Ludwig Ferdinand Ruez (1885-1921) (58 MB)

Die wichtigste Quelle ist die bereits erwähnte Familien-Chronik, die seit Herbst 2023 dank der Biblioteca Públicada de Las Misiones großenteils auch in digitalisierter Originalfassung vorliegt. Allerdings muss man bei diesem wirklich interessanten zeit- und familiengeschichtlichen Dokument unbedingt beachten, dass Ruez diese Chronik nachträglich an mehreren Stellen gefälscht hat, und zwar überall dort, wo seine Arzt-Legende hätte auffliegen können. Dabei hat er wohl auch frühere Einträge weggelassen oder ursprünglich eingeklebte Dokumente entfernt. Ruez hat in seinem zweiten Vorwort aus dem Jahr 1936 die Neuanlage seiner Familien-Chronik mit dem schlechten äußeren Zustand des großformatigen Buches begründet und dabei auf die mehrfachen Ortswechsel innerhalb Argentiniens und die teils desolaten Wohnverhältnisse hingewiesen. Als ob er spätere Zweifel an seiner Darstellung geahnt hätte, fügte er wörtlich hinzu, er habe sich bei der Abschrift von der Urfassung »streng an den damaligen Eintrag« gehalten - was bei den von mir als gefälscht nachgewiesenen Stellen definitiv nicht stimmt:

»Als ich nach Amerika auswanderte, nahm ich die Chronik mit. Die ersten Jammerjahre, das Hausen in elenden Hütten, hat es gemacht, daß das Buch fast völlig verdorben wurde. Schon seit 10 Jahren wollte ich deshalb mit der Neubearbeitung beginnen, der Kampf ums tägliche Brot ließ mich aber nicht dazu kommen. Nun wurde mein Verlangen doch Wirklichkeit. Ich habe die alten Blätter herausgerissen, ließ das Buch neu binden und schreibe nun einfach die alten Blätter neu ab, mich streng an den damaligen Eintrag haltend. Die erste Seite wurde beim Neueinband erhalten, daher das abweichende Papier


Familien-Chronik, S.3
Familien-Chronik (Einband)

Ludwig Ferdinand Ruez 1921




Wem die vorstehende Dokumentation zu lang ist, kann sich hier eine Kurzversion herunterladen: einen Artikel, den ich für die argentinische Zeitschrift Cuadernos de archivo (DIHA) geschrieben habe:

»Dr. Ruez« - Essay über die Hochstapelei seines Lebens und sein Leben in Deutschland vor seiner Auswanderung nach Argentinien (1885-1921) (1,4 MB)



Dr. Regula Rohland de Langbehn und ich haben - teilweise unterstützt von Rotraut Connert de Wieland und Dr. Cecilia Gallero - die Familien-Chronik, die in Kurrent, Sütterlin und in der Handschrift von Ludwig Ferdinand Ruez abgefasst wurde, in mühevoller Kleinarbeit transkribiert. Geplant ist, die Familien-Chronik ins Spanische zu übersetzen, aber momentan ist das noch Zukunftsmusik. Für alle Interessierten möchte ich aber die Transkription an dieser Stelle als PDF zugänglich machen, mit der Bitte, sie bei Benutzung korrekt zu zitieren:

Familien-Chronik derer von Ruez - Transkription (Stand 2024) (1,2 MB)



Der Lebensmittelpunkt von Ludwig Ferdinand Ruez lag zwischen 1913 und 1921 in Heufeld (damals Bezirksamt Aibling). Über seine Zeit als Propagandaredner für den Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbund (DVSTB) und die NSDAP habe ich einen Artikel verfasst, der im März 2023 in der Zeitschrift »Der Mangfallgau« erschienen ist. Die bibliografische Angabe lautet: Paul Glass: Ludwig Ferdinand Ruez - ein antisemitischer »Wanderprediger« im Raum Aibling in den Jahren 1920 und 1921. In: Der Mangfallgau. Heimatkundliche Zeitschrift für Bad Aibling und Umgebung 24 (2023), S. 209-249. Die Rohfassung des noch nicht lektorierten Beitrages kann man sich hier als PDF herunterladen (20 MB).

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Last update: 24.03.2024               Datenschutzerklärung Copyright: Paul Glass 1997-2024