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Eheanbahnung im 18. und 19. Jahrhundert

Der frühere Ensheimer Lehrer Jakob Grentz hat ausführlich beschrieben, wie sich in Ensheim früher ein Paar "gefunden" hat:

" Wenn sich auch zwei junge Leute schon lange in Liebe zugetan waren, was beim Maiengehen, beim Abendsingen, beim Tanze der Fastnacht und der Kirmes und bei verschiedenen anderen Gelegenheiten bald bekannt wurde, und die Nachbarsleute und die Gevatterinnen längst mit sich darüber im reinen waren, daß aus beiden einmal ein Paar werden würde, so verlangte es doch ein altes Herkommen, verschiedene Gebräuche zu beobachten, ehe dieser Fall eintreten durfte. Der Bursch, welcher heiraten wollte, suchte sich eine vertraute Person, die bei den Eltern seiner Auserwählten etwas galt, und gab ihr den Auftrag, um die Hand ihrer Tochter für ihn anzuhalten. Gaben diese ihr Jawort, so wurde zum Überflusse auch noch die Tochter befragt, ob sie den betreffenden Burschen wolle, was diese, selbstverständlich nach längerem Zieren, verschämt zustimmend beantwortete. Nun verlangte es die Ordnung, daß die beiderseitigen Eltern je an einem schönen Sonntage auf die Schau gingen, und zwar taten dies die Eltern des Burschen zuerst in der Wohnung des Mädchens. Es versteht sich von selbst, daß sich jeder Teil von seiten des anderen der rücksichtsvollsten Behandlung und besten Bewirtung zu erfreuen hatte. Befriedigte die Schau beide Teile, so war ein Termin zum Richtigmachen festgesetzt. Das Richtigmachen war das Verlobungsfest oder, wie man in Ensheim sagte: der Termin des gegenseitigen Sichversprechens und der Beratung über die beiderseitige Mitgabe und das zukünftige Verhältnis der Eltern im Hause. Gewöhnlich wurden einige alte, erfahrene, befreundete Männer hinzugezogen. Wenn nun alles geordnet war, so gaben sich Bursche und Mädchen den Handstreich, womit sie sich nun gegenseitig versprochen hatten, wobei der Bursch dem Mädchen einen Taler Handgeld zu zahlen hatte. Deshalb konnte auch ein verheirateter Mann, was im Scherze oft geschah, sagen, meine Frau ist nicht so teuer wie meine Kuh, denn jene hat mich nur einen Taler, diese aber viel mehr gekostet. Nach dem Richtigmachen wurde das Aufgebot beim Pastor bestellt, welcher an drei Sonntagen hintereinander von der Kanzel das Eheversprechen bekannt machte und aufforderte, etwaige Ehehindernisse ihm zu melden. Von da ab galten die jungen Leute als Bräutigam und Braut. Einen langen Brautstand kannte man nicht, denn die Hochzeiten wurden, wenn das Nest für das Paar fertiggestellt war, so schnell als möglich nach dem Richtigmachen gefeiert."

(zitiert bei Glück-Christmann, S. 164)


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Last update: 27.12.2004                        © Paul Glass 1997 - 2001 ff