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8. Das Wasserweibchen bei Eschringen

Der Sohn des Schulheißen von Eschringen war ein munterer und hübscher Knabe. Er gefiel dem Ritter Boos von Waldeck, der selber keine Kinder hatte, so gut, dass er ihn als Pflegesohn in sein Haus nahm. Er wollte einen tüchtigen Knappen aus ihm machen und gab ihm den Namen Gerlieb, das Speerkind. In der Zucht und Pflege des Ritters wuchs Gerlieb zu einem stattlichen Jüngling heran. Er zeichnete sich durch Mut und Klugheit, durch Bescheidenheit und Frömmigkeit aus, und sein Pflegevater setzte große Hoffnungen auf ihn. Wenn der flotte Bursche an den Sonntagen durch Eschringen zur Kirche ging, blickte ihm heimlich gar manches Mägdlein nach. So schmuck war er anzuschauen in dem feinen Wams und mit der Kappe von dunkelgrünem Sammet, auf welcher sich stolz eine blauweiße Reiherfeder wiegte.

Nicht weit von Eschringen gab es einen großen, finsteren Wald. Darin war abseits vom Wege in einer einsamen Schlucht ein Weiher. Er galt für sehr tief. Dort blühten, besonders um Johanni, so wunderbar leuchtende Teichrosen, wie man sie anderwärts kaum zu sehen bekam. Doch konnte sie niemand pflücken, weil die Ufer des Gewässers äußerst gefährlich waren. Man versank plötzlich bis an den Hals im sumpfigen Moose, und wer etwa schwimmen wollte, der blieb gewiss im Schilfe stecken und kam nicht ohne Hilfe wieder heraus. Die Leute mieden den Weiher auch darum, weil der Ort von alten Zeiten her verrufen war. Eine Nixe sollte da hausen oder sonst ein Wassergeist. Etwas Genaues wusste man darüber nicht zu sagen. Manchmal hörten die Holzfäller an stillen Sommerabenden einen lieblichen Gesang durch den Wald hallen, der aus der Gegend des Teiches kam. Da machten sie sich schleunigst davon, denn es hieß, wer den lockenden Klängen auch nur einen Schritt folgen wollte, der könne nicht mehr umkehren. Im Spätherbst sah einmal eine Frau, die beim Holzlesen an den See geraten war, im Wasser etwas schimmern. Wie sie näher hinblickte, erkannte sie in der Tiefe ein wunderliches Schloss. Das war ganz von smaragdgrünem Glase gebaut. Während sie noch neugierig hinablugte, versank sie bis zur Brust in das sumpfige Ufer. Wäre nicht ein Buchenast über der Stelle gewachsen, den sie greifen konnte, wer weiß, ob sie noch lebte.

Wenn jung Gerlieb in der Gesindestube des Ritterhauses von diesen Dingen erzählen hörte, kam ein wilder Glanz in seine sanftmütigen blauen Augen und sein Herz schlug schneller. Er wusste selber nicht, wie das gekommen war, aber bald wanderte er, so oft er Zeit dazu fand, ganz allein dem großen, dunklen Walde zu, und immer war es die Gegend des unheimlichen Teiches, in deren Umgebung er sich herumtrieb. Oft blieb er stehen und lauschte, ob er nicht das geheimnisvolle Singen hören könne, aber er hörte es nicht. Nur der Wind rauschte durch die Buchen und die Finken schmetterten ihr kurzes Lied.

Bald wurde Gerlieb kühner. Eines Abends kletterte er auf eine Eiche, die hoch über der Schlucht am Bergrande wuchs, und spähte in die grüne, waldige Tiefe hinab, ob er das heimliche Wasser wenigstens aus der Ferne erblicken möchte. Die Sonne war schon am Untergehen, und der ganze Himmel glühte im Abendrot. Da funkelte mit einmal ein feuriger Spiegel aus dem Grundes des Tales herauf, dass Gerlieb den Kopf wenden musste, um nicht geblendet zu werden. Das war der Waldsee, nun sah er ihn.

Bald verblasste das blutrote Gefunkel, es wurde kühl und blau über den Wassern. Aus dem Schilfe drangen milchweiße Nebelschwaden und krochen über die Oberfläche des Teiches. Da kam es Gerlieb vor, als ob dort unten ihm jemand mit einem Schleier winke. Erschreckt kroch er von der Eiche herab und lief nach Hause.

Des Ritters Hauskaplan, der Gerliebs Lehrer war, merkte, dass der Jüngling nicht mehr so unbefangen und so fröhlich war wie früher. In einer stillen Abendstunde sprach er ihm ernstlich zu und ermahnte ihn, aufrichtig zu sagen, was eigentlich mit ihm vorginge. Gerlieb, der niemals log, bekam einen roten Kopf, doch bekannte er freimütig seine unwiderstehliche Sehnsucht, das Geheimnis des Waldweihers zu ergründen. Er verschwieg auch nicht, was er auf der Eiche erlebt hatte. Da machte der geistliche Herr ein sehr ernstes Gesicht. Er legte seinem Schützling dringend  ans Herz, die Gegend des versunkenen Waldes zu meiden; denn, so meinte er, das sind Dinge, die einem leicht den Tod bringen können. Nun überwachte er jeden Schritt Gerliebs, und der Jüngling stellte in der Tat seine Wanderungen nach dem Walde ein. Er sprach auch nie mehr davon. Nur seine Augen blickten anders als früher, als ob sie irgendwo in weiter Ferne etwas wahrzunehmen schienen.

So kam der Johannistag heran. Als die Burschen und Mädchen von Eschringen am Abend auf dem Berge hinter dem Dorf ihren Reigen hielten und durch das Johannisfeuer sprangen, da war auch Gerlieb unter ihnen und war der lustigsten einer. Diesmal hatte der Geistliche es nicht für nötig gehalten, ihn zu begleiten. Gegen Mitternacht, als das Feuer erlosch, zog das junge Volk paarweise unter Lachen und Schäkern nach Hause. Nicht so tat Gerlieb. Der volle Mond schien so klar und mild, dass er noch ein wenig lustwandeln wollte. Ehe er sich dessen versah, war er schon auf dem Weg nach dem gefährlichen Walde. Bald nahm ihn das Dunkel des Forstes auf. Nur hin und wieder blinzelte der Mond durch die Kronen der Bäume nach dem einsamen Waldwanderer. Die blassgrünen Buchenstämme leuchteten weißlich wie seltsame Gespenster und schienen sich in feierlichem Tanze um sich selber zu drehen. Da klang auf einmal eine leise wunderliebliche Stimme durch die Nacht. Wie im Träume schritt Gerlieb unter den schwarzen Ästen der Bäume dahin und lauschte dem süßen schaukelnden Gesang. Ohne dass er es bedachte, trugen ihn seine schwebenden Schritte gerade dorthin, woher die wunderliche Weise kam, und bald bemerkte er in der tiefsten Tiefe des Waldes eine grünlich beleuchtete Stelle. Es war der Wasserspiegel, der dort im Mondglanz lag. Da blühten weiße Seerosen von nie gesehener Pracht. Obwohl im Wald sich nicht das leiseste Lüftchen regte, schienen sie sich mit ihren marmorweißen Kelchen sanft auf dem Wasser zu wiegen. Gerlieb stand am Ufer auf dem Teppich des feuchten Mooses und bedeckte die Augen vor all dem Glanz mit seiner Hand; denn er war nun vom Mondlicht übergossen, das ihn blendete, nachdem er so lange durch die schwärzeste Finsternis gewandelt war. Die wunderbare Stimme klang wie eine Zauberharfe irgendwo in seiner Nähe und berauschte seine Sinne, als ob er schweren Wein getrunken hätte. Und als nun er die Hand von den Augen nahm, da sah er sie. Was er bisher für eine besonders schöne Seerose gehalten, war der weiße Leib eines Lieblichen Mägdleins, halb Kind, halb Jungfrau, das wenige Schritt vor ihm im Teiche stand und sein Liedchen vor sich hin sang. Das feine Wesen schien ihn gar nicht zu bemerken. Es wiegte sich im Takt des Gesanges in den Hüften und lächelte seinem eigenen Bilde zu, welches ihm das funkelnde Wasser entgegenbrachte. Plötzlich unterbrach es seinen lieblichen Singsang, lachte als ob tausend kleine Silberglöckchen klängen, wandte den Kopf und sah jung Gerlieb gerade ins Angesicht. Dabei hob es den Arm und winkte ihm, zu kommen. Und Gerlieb kam. Er breitete die Arme aus nach dem schönen Kinde und merkte kaum, wie das kühle Wasser seine Füße, seinen Körper umfing. Schon reichte ihm das Jüngferlein die rosige Hand und zog ihn heran, schloss ihn in seine weichen Arme und küsste ihn mit eiskalten Lippen auf den Mund. Dann sank es mit ihm in die Tiefe bis auf den Grund des Gewässers. Ein paar Wellenringe spielten über den See, ein paar Bläschen stiegen auf, ein großer schwarzer Vogel flog mit schwerem Flügelschlag aus dem Schilf des Ufers, dann wurde es still, ganz totenstill im Walde.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, merkte man im Ritterhause, dass Gerlieb, das Speerkind, noch nicht heimgekehrt war. Der Ritter schickte einige Leute nach dem Dorfe, ihn zu suchen, aber dort fanden sie ihn nicht. Da kam gerade der Geistliche von der Frühmesse. Das Entsetzen sprach aus seinem Antlitz, als er hörte, dass Gerlieb vermisst wurde. Er zog den Ritter auf die Seite, und sie flüsterten lang und aufgeregt miteinander. Dann machten sie sich auf den Weg nach dem Waldsee. Als sie ihn mit einiger Mühe gefunden hatten, stand die Sonne schon hoch. So friedlich lag der stille Teich im Sonnenschein, und die Vögel zwitscherten so vergnügt von den Zweigen, dass der Ritter meinte, hier könne es gewiss keine schlimmen Geister geben, und freier atmete. Aber bald fanden die beiden eine Stelle, wo man deutlich die Spur eines jugendlichen, engbeschuhten Fußes wahr nahm, die ins Wasser führte und nicht wieder heraus. Und zwischen den Stengeln des Schilfes hing die Kappe von grünem Sammet, schillernd von Feuchtigkeit, mit den durchnässten, trübselig herabhängenden Reiherfedern. Da tobte der Ritter und fluchte gotteslästerlich; das tat er immer, wenn er irgend ein Herzleid zu verbergen hatte. Der Geistliche aber sprach ein Gebet.

Am Ufer lag der halbvermoderte Stamm einer vor Alter gestürzten Eiche. Ritter Boos von Waldeck schwang sich hinauf, zog das Schwert und angelte damit die Kappe seines Pflegesohnes aus dem Schilfe. Er betrachtete das armselige Käppchen, bis ihm die Augen feucht wurden. Da steckte er es schnell in seins Wams. Das gezückte Schwert immer noch in der Rechten haltend, begann er abermals über das Unheil, das ihm sein Speerkind geraubt hatte, zu fluchen. Dabei fiel sein Blick auf die allerschönste der Seerosen, die neben dem Baumstamm ihren Kelch ausbreitete. Ergrimmt über soviel unversehrte Pracht, die da angesichts seines Leides in den Tag hinein blühte, führte er einen Schwerthieb nach der Pflanze. Er traf sie gut. Die weißen Blütenteile stoben auseinander und fielen wie tote Schmetterlinge nieder. Aber im gleichen Augenblick tat es einen so furchtbaren Schrei, wie ihn nur ein tödlich getroffenes Wesen auszustoßen vermag. Dem Ritter bebten die Knie, und er musste sich festhalten, um nicht ins Wasser zu gleiten. Erstaunt sah er sich nach seinem Kaplan um. Der stand am Ufer und war bleich geworden. Er deutete auf eine Stelle im Teich, und als der Ritter dorthin blickte, sah er, dass aus dem Stengel der geköpften Wasserrose ein dicker, dunkelroter Blutstrom quoll, der ringsum die Flut mit Purpur tränkte. Die Wasserjungfer war tot.

Doch, ob sie auch tot war, jung Gerlieb, das Speerkind, kehrte nicht wieder.

Alternativer Text:


Quelle: August Diehl: Saarlandsagen. Ein deutsches Volksbuch für Jung und Alt. Würzburg: Amend 1934, S. 9 - 13


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Last update: 27.12.2004