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Extra-Info: Rezension zum lokalhistorischen Buch:

Remigius Wüstner: Heimatgeschichte von Ensheim. Ensheim 2001


Altes und Neues aus der Ensheimer Geschichte

Eine Rezension zum neuen Buch von Remigius Wüstner: Heimatgeschichte von Ensheim. Ensheim 2001

Von Paul Glass, Fichtenberg

Um es vorwegzunehmen: Remigius Wüstner legt ein umfangreiches Werk vor, welches das Ergebnis einer unzweifelhaft intensiven Fleißarbeit und eines großen Engagements für die Ensheimer Geschichte ist. Jeder, der schon Archive besucht und Quellenarbeit betrieben hat, vermag in etwa abzuschätzen, wie viel Freizeit, Nerven und auch Geld dieses Buch gekostet hat - ein Preis, den der Autor sicher gerne bezahlt hat.

Das Buch ist vor allem für Genealogen interessant, die Vorfahren in Ensheim haben bzw. suchen. In dieser Hinsicht ist das Buch geradezu eine Fundgrube für Familienforscher. Wüstner bietet eine Fülle von Listen, in denen Ensheimer Einwohner in unterschiedlichen historischen Zusammenhängen erwähnt werden. Ein echtes Highlight sind hier vor allem die Informationen über die Besiedelung Ensheims vor 1700. Hier holt der Autor ein Versäumnis nach, das den Wert seines ersten Buches "Die Einwohner von Ensheim vor 1905 ..." nach meinem Dafürhalten deutlich gemindert hatte. Er bietet außerdem umfangreiche Listen der wesentlichen Funktionsträger in Ensheim in den letzten Jahrhunderten auf: Meyer, Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Ärzte, Apotheker, Gemeinderäte. Neue Erkenntnisse über die frühe Siedlungsgeschichte bringen auch die sehr detailliert aufgeführten Verzeichnisse der bisherigen Bodenfunde aus diversen Abschnitten der Steinzeit sowie der Römerzeit. Auch die zahlreichen Belege über den Ablauf der letzten Jahrhunderte sind fraglos interessant. Allerdings gehören all diese Listen und Übersichten sinnvollerweise in einen Anhang am Ende des Buches.

Trotz der vielen Informationen über die Bewohner Ensheims zu verschiedenen Zeiten ist die Lektüre der "Heimatgeschichte von Ensheim" ziemlich ernüchternd - zumindest für einen Historiker oder einen an der Ortsgeschichte interessierten Leser, der auch bei populärwissenschaftlichen Darstellungen ein gewisses wissenschaftliches Niveau erwartet. Diese Erwartung erfüllt das Buch so gut wie nicht: Der Autor hat wie bei seinem ersten Werk wieder jeglichen wissenschaftlichen Anspruch vermissen lassen, was die Qualität der Darstellung deutlich mindert. Im Nachwort kokettiert er sogar mit dem Hinweis, sein Buch erhebe "keinen Anspruch auf wissenschaftliche Anerkennung" (S. 530). Welchen Anspruch hat es dann?

Weiter konnte sich Wüstner nicht für eine klare inhaltliche Gliederung entscheiden und reiht einfach ein geschichtliches Ereignis an das andere, oft, ohne die Ereignisse, dort wo es geboten scheint, miteinander zu verknüpfen. Diesem Buch fehlt ganz deutlich der rote Faden, der den Leser Kapitel für Kapitel durch die Darstellung führt. Andere Gemeinden wie etwa Heckendalheim 1992 haben es vorgemacht, wie eine sinnvolle Gliederung einer Lokalgeschichte aussehen könnte. Mit dieser Art der Darstellung wird Wüstner sicher die Erwartungen vieler Leser nicht befriedigen können.

Was dem interessierten Leser sofort auffällt, ist der Verzicht auf eine eigene Interpretation der Quellen. Man gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, dass der Autor sich geradezu scheut, seine eigene Meinung zu den geschichtlichen Ereignissen zu formulieren, ja, da wo es geboten scheint, vielleicht auch Stellung zu beziehen. Gleichwohl schreibt er ja selbst im Vorwort, er habe aus seinem gesamten gesammelten Material "ausgewählte Unterlagen chronologisch zusammengefügt ohne eigene Interpretationen". (S. 13) Er begründet dieses Prozedere mit dem Hinweis, dem Leser bleibe so "Raum, um eigene Erkenntnisse zu einem Geschichtsbild zusammenzufügen" (a.a.O.), aber nach meinem Dafürhalten werden viele Leser damit überfordert sein. An dieser Stelle muss auch angemerkt werden, dass eine kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Darstellungen zur Ensheimer Geschichte weitestgehend unterblieben ist.

Den im Vorwort angekündigten "verständlichen allgemeinen Überblick über die natürlichen Gegebenheiten unserer Heimatgeschichte" bietet der Autor meines Erachtens nicht. So wie das Buch konzipiert ist, ist der Titel missverständlich und müsste etwa heißen: "Quellen zur Geschichte Ensheims" o.ä. Darin liegt wirklich die Stärke des Buches: eine Fülle von Ensheimer Quellen aus verschiedenen Archiven der interessierten Öffentlichkeit in lesbarer Form zugänglich zu machen, wobei aber auch hier wiederum kritisch angemerkt werden muss, dass die Herkunft der Quellen nicht auf wissenschaftlich übliche Weise angezeigt wird. Das von Wüstner gebotene Quellenverzeichnis auf den Seiten 523 f ist wenig sinnvoll. Liegt dies einfach nur am fehlenden handwerklichen Können oder ist es gar die Folge einer verschrobenen Geheimnistuerei?

Aus wissenschaftlicher Sicht unredlich ist der besonders fett gedruckte Hinweis, das Gründungsjahr der Pfarrei St. Peter sei das Jahr 557 (S. 39). Den Beweis in Gestalt einer Urkunde bleibt der Autor aber schuldig und flüchtet sich in eine dubiose Anmerkung, in der es wörtlich heißt: "Die Jahreszahl wurde mir vom Leiter des Departementarchiv Metz, Monsieur Hiegel, als Gründungsjahr der Pfarrei St. Peter Ensheim angegeben. Diese Angabe ist einem literarischen Werk über die Dioezese Metz entnommen. Es gab dabei keinen Anlass an der Jahreszahl 557 zu zweifeln. Monsieur Hiegel ist ein kompetenter Historiker. Seine Angabe ist unzweifelhaft und entspricht der Wirklichkeit." So schludrig darf ein Historiker, auch ein Hobby-Historiker m. E. nicht arbeiten. Man darf zwar davon ausgehen, dass die Pfarrei St. Peter mit Sicherheit eine der ältesten Pfarreien des Bliesgaus ist, aber wenn sich Wüstner auf das Jahr 557 festlegt, dann muss er auch den Beweis liefern, er muss der Sache auf den Grund gehen.

Aus wissenschaftlicher Sicht unredlich ist auch das Vorgehen des Autors, fast alle Regesten von Urkunden des Klosters Wadgassen mit Ensheimer Bezügen - eine Fleißarbeit des Historikers Josef Burg, die 1980 unter dem Titel "Regesten der Prämonstratenser-Abtei Wadgassen" publiziert wurde - wortwörtlich zu zitieren ohne dies durch Anführungsstriche oder anders kenntlich zu machen.

Nach meinem Geschichtsverständnis kommt ein weiteres großes Versäumnis des Autors hinzu: seine Darstellung der "Heimatgeschichte von Ensheim" bricht mit dem Hinweis auf die erste Evakuierung der Ensheimer Bevölkerung 1939/40 ab (S. 522). Die Zeit der Naziherrschaft bleibt völlig unberücksichtigt, angesichts der in diesem Jahr geführten öffentlichen Debatte um die Aktivitäten des Ensheimer Ehrenbürgers Prof. Dr. Orth im Zusammenhang mit den Zwangssterilisationen in Homburg ein unverzeihlicher Fehler. Für eine Heimatgeschichte hielte ich es für angebracht, auch die dunklen Seiten unserer Geschichte zu berücksichtigen und sich ehrlich damit auseinander zu setzen. Auch für diese unselige Zeit sollten die Namen der handelnden Personen genannt werden. Auch darauf verzichtet Wüstner. Nach meiner Ansicht hätte es der Gesamtdarstellung auch nicht geschadet, die durchaus spannende Zeit der "Fronsoose-Zidd" und der Rückkehr zur Bundesrepublik sowie die Ereignisse bis zum Jahr 1974 darzustellen, wo mit dem Verlust der kommunalen Selbstständigkeit gewissermaßen ein natürlicher Endpunkt erreicht wurde - vorläufig jedenfalls.

Zu beklagen sind leider viele handwerkliche Fehler. Wichtige Bestandteile einer geschichtlichen Darstellung fehlen ganz: so, wie bereits oben angezeigt, ein ausführliches Quellenverzeichnis sowie nachprüfbare Quellenangaben, eigens aufgeführte, weiterführende und vor allem nachvollziehbare Anmerkungen; außerdem ein Verzeichnis der benutzten Literatur, der beigegebenen Abbildungen sowie ein sinnvoll konzipiertes Register. Die aufgebotenen "Register nach Jahreszahlen" (S. 534 - 540) und "Personenregister und Namensregister" (S. 541 - 549), das auf das o. g. Einwohnerbuch des Autors verweist, sind m. E. wenig hilfreich.

Die zahlreichen Abbildungen sind von mäßiger bis schlechter Qualität; insbesondere die abfotografierten historischen Karten, Urkunden und Bilder bringen dem Leser oft keinen Genuss (z.B. S.53, 56, 137, 166, 200 u.a.). Das ist ärgerlich, zumal es sich um wirklich interessantes und gut erhaltenes Quellenmaterial handelt. Der Autor erwähnt im Vorwort sein vergebliches "Bemühen, in Archiven, Pläne und Zeichnungen aus der Zugehörigkeit zur Abtei Wadgassen, von Bauvorhaben und Bannkarten aufzufinden" (S. 13). Er hat wohl nicht richtig bzw. nicht in den richtigen Archiven gesucht: Der Rezensent hat erst vor kurzem im Landeshauptarchiv Koblenz wieder drei historische Karten von der Ensheimer Gemarkung aus den Jahren 1730, 1751 und 1755 zutage gefördert und sich davon problemlos Diapositive anfertigen lassen. Außerdem liegen noch im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München einige Karten, die anlässlich der Prozesse Ensheims gegen Wadgassen und der Grafschaft Nassau-Saarbrücken gegen Wadgassen vor dem Reichskammergericht angefertigt wurden.

Fazit:

Die im Vorwort ausgedrückte Hoffnung des Autors, "mit dem vorliegenden Buch die Geschichte Ensheims in einer neuen Perspektive geschildert zu haben", hat sich, wie ich finde, nur zum Teil erfüllt, es sei denn, er versteht die rein chronologische Darstellung als neue Perspektive. Neu ist vor allem die Darstellung der Besiedelung Ensheim im 17. Jahrhundert, wo Wüstner der Nachweis gelungen ist, dass Ensheim nach dem 30jährigen Krieg nicht, wie noch in der Ortschronik von Helmut und Alexander Wilhelm vermerkt, so gut wie ausgestorben war, sondern dass es auch in den langen Jahres dieses schrecklichen Krieges eine Art Siedlungskontinuität im Dorf Ensheim gab.

M. E. wurde hier eine Chance verpasst, die Ensheimer Geschichte wirklich umfassend und nach sinnvollen Sachthemen oder sinnvollen Zeitabschnitten gegliedert darzustellen. 

Übrigens: Die nächste Chance bietet sich meines Erachtens im Jahr 2021, von heute aus also in genau zwanzig Jahren. Dann steht in Ensheim die 900-Jahr-Feier an. Vielleicht finden sich bis dahin noch weitere Geschichtsinteressierte, die die Ensheimer Geschichte tatsächlich in einer neuen Perspektive aufzeigen können, vor allem, was das von einigem Licht, aber auch viel Schatten geprägte 20. Jahrhundert anbelangt. Der Autor selbst ist sich sicher, dass Historiker "auch in Zukunft weitere Erkenntnisse zusammentragen" werden. (S. 531). Verstehen wir das als Auftrag und packen wir`s an! Ensheim und seiner Bevölkerung sei es von Herzen gegönnt.

NB: Trotz aller von mir vorgetragenen Kritik sollte das Buch in keinem Ensheimer Bücherschrank fehlen, denn das Engagement des Autors für Ensheim und auch die zusammengetragenen Materialien verdienen diese Würdigung ganz ohne Frage. Und: Die von mir kritisierten inhaltlichen und handwerklichen Fehler lassen sich bei einer neuerlichen Veröffentlichung sicher vermeiden.


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Last update: 15.12.2001