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3. Die guten Zwerge

"Am Siedelwald zu Ensheim stand vor Zeiten eine Mühle. Eines Tages war der Müller am Weiher und fischte, Da hörte er plötzlich ein Wimmern, als rufe ein Knabe um Hilfe. Er spähte umher und fand ein Männlein, das sich an einem Binsenhalm festhielt. Er besann sich nicht lange, griff zu und zog aus dem Wasser ein wunderliches Geschöpf. Es war nur fußhoch, hatte einen dickmächtigen, uralten Kopf und Füße wie eine Gans. Das Männlein blutete aus mehreren Wunden.

Als es vor Schmerz stöhnte, hob es der Müller auf und trug es in sein Haus. Er wusch ihm die Wunden aus und pflegte es sorgsam Tage und Wochen. Gerne hätte er gewußt, wer das seltsame Wesen sei, aber das Männlein sprach nichts. Als er genesen war, bat es den Müller, mit ihm zum Teich zu gehen. An der Stelle, wo der Müller das Männlein gefunden hatte, saß ein häßlicher Nix. Er sah aus wie ein Frosch, war giftgrün und hatte große Glotzaugen. Als das Männlein ihn erblickte, rief es: 'Das ist der Bösewicht, der mich ertränken wollte!' Aber da machte der Nix einen mächtigen Satz und war im Wasser verschwunden.

Nun gab sich der Kleine endlich zu erkennen und sprach: 'Ich bin der Zwerg vom Gumbersberg.' Jetzt wußte der Müller genug. Er führte den Zwerg zu seiner Höhle und half ihm, den schweren Stein vom Eingang wegzuwälzen. Das Männlein bedankte sich und verschwand eilends im Berg.

Als der Müller am andern Morgen in die Mühle ging und das Korn mahlen wollte, da war es schon fein säuberlich gemahlen. Der Müller wunderte sich sehr. Als aber in der nächsten Nacht das gleiche geschah, blieb er abends auf, um zu sehen, wie sich das zutrage. Als nun im Dorf die Mitternachtsglocke schlug, ging die Tür auf, und das Zwerglein erschien und mit ihm sechs andere Zwerge. Sie machten sich eilends ans Mahlen und kaum waren drei Stunden vergangen, da waren sie fertig.

Nun wußte der Müller, wem er den Segen zu verdanken hatte. Er ließ die Männlein in der Mühle schalten und walten. Nach kurzer Zeit war der Müller ein reicher Mann geworden. Er nahm sein Vermögen und verließ die Mühle, denn nun brauchte er nicht mehr zu arbeiten.

Der Nachfolger des Müllers aber war den Zwergen nicht hold. Als er eines Tages am Weiher stand, sah er, wie zahlreiche Männlein sich im Wasser tummelten. 'Geht mir aus dem Teich, ihr Schmutzfinke!' schrie er sie an. 'Ihr trübt mir das Wasser!' Eilends verschwanden die Männchen. Aber gar manches Mal kamen sie heimlich, um in dem klaren Wasser des Teiches zu baden und ihre Kleider zu waschen, die arg schmutzig waren von der Arbeit im Bergwerk. Doch der Müller sann, wie er die Zwerge vertreiben konnte.

Bald wußte er Rat. Er wälzte einen großen, schweren Stein vor den Eingang der Höhle. Er glaubte, die Zwerge seien darin und er hätte sie nun gefangen. Aber da sah er zu seinem Schrecken, wie sie eben den Berg heraufkamen. Wie erschraken sie, als sie den mächtigen Stein vor dem Eingang ihrer Höhle gewahrten. Sie baten den Müller, er möge doch den Stein wieder entfernen. Der falsche Müller schob den Stein wieder zur Seite. Kaum waren die Zwerge in der Höhle verschwunden, da setzte er den Stein wieder vor den Eingang, lachte teuflisch und rief: 'So, hab ich euch nun, ihr Gänsfüßler! Bleibt in eurem Loch und kommt mir nicht wieder heraus!' Da schworen die Zwerge dem Müller ewige Rache, und vom Tage an wichen Segen und Glück von dem Hause des Müllers. Sein Gut zerrann ihm zwischen den Händen, und bald mußte er als Bettler die Mühle verlassen."


Alternative Darstellung bei August Diehl


Quelle: Helmut und Alexander Wilhelm: Ortschronik Ensheim. Ensheim 1977, S. 138 f


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Last update: 27.12.2004