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12. Die Geisterkutsche

Es ist noch gar nicht lange her, da gingen zwei Bergleute nach Schluss der Tagschicht auf den Großen Stiefel, um Holz zu lesen. Der Mond ging eben auf, und er schien so hell, dass sie ihre Arbeit bis gegen Mitternacht fortsetzten. Schließlich war es aber doch Zeit, an den Heimweg zu denken.

Die sommerliche Nacht war sehr still. Kein Lüftchen regte sich. Als sie gerade an den Ruinen des Stiefler Schlosses vorüberkamen, hörten sie ein sonderbares Rasseln auf der Waldstraße, die über den Bergkamm zum Burgtore führt. Es wurde ihnen recht unheimlich zu Mute. Sie legten ihre Bürde nieder und verbargen sich in einem Turmgelass, um abzuwarten, was da des Berges käme.

Kaum hatten sie ihr Versteck eingenommen, da kam auch schon in vollem Galopp eine vierspännige Kutsche einhergebraust. Sie wurde von glänzenden Rappen gezogen. Das Geschirr war von feinstem, gelbem Lackleder, über und über mit gleißendem Silber beschlagen. Auf dem Kutschbock bemerkten sie außer dem Kutscher einen Lakai. Beide trugen lichtblaue Uniformen mit silbernen Tressen, große, schwarze Napoleonshüte. Auf dem Dienerplatz an der Rückseite standen zwei stramm Leibjäger in grünen, goldbetressten Röcken- Auf ihren Hüten hatten sie wallende Federbüsche.

Donnernd fuhr das Gefährt auf den weiträumigen Grasplatz, der einst der Burghof war, und hielt. Im Augenblick sprangen der Lakai und die Leibjäger von ihren Plätzen. Einer öffnete den Kutschenschlag, während die andern stramm beiseite standen. Die beiden Bergleute konnten durch eine Schießscharte den ganzen Schlosshof überblicken. Sie hielten sich mäuschenstill und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Aus der Kutsche stiegen vier junge Damen von großer Schönheit. Sie trugen Kleider von hellblauem Atlas, die eng um die Hüfte lagen, aber in einen weiten, schwebenden Rock ausliefen. Ihre Strümpfe waren von weißer Seide. Die Füßchen staken in wunderlich feinen Schuhen von perlenbesticktem Saffianleder. Am Halse waren ihre Kleider ausgeschnitten, und über den Spitzen des Hemdes funkelten goldene Kettchen. Das Haar war auf die sonderbarste Weise frisiert und weiß gepudert. Das gab ihren zarten blassen Gesichtern ein eigentümliches Aussehen. Wie Puppen, meinten die Bergleute. Nach den Damen entstiegen der Kutsche vier Herren, die ebenso schöne Gesichter hatten und gleichfalls gepuderte Frisuren zur Schau trugen. Sie hatten schimmernde blaue Fräcke an, gelbe Westen und weiße Kniehose aus feinstem Zeug. Dazu weiße Strümpfe und Lacklederschuhe mit kostbaren silbernen Schnallen.

Aufs höchste gespannt warteten die verwunderten Bergleute darauf, was diese glänzende Gesellschaft zu so ungewöhnlicher Stunde in dem verfallenen alten Schlosse nun eigentlich beginnen würde. Schon bildeten die Damen eine Reihe, ebenso machten es die Herren, und alle hatten tiefernste feierliche Gesichter dabei. Dann machten die Kavaliere eine tiefe Verbeugung vor den Damen. Diese neigten die Köpfchen und reichten ihnen auf eine unsagbar feine Weise die kleinen Hände. Nun begann ein würdiger, seltsam gemessener Tanz. Man hörte dazu keinerlei Musik. Auch die Schritte blieben lautlos, und nicht das leiseste Knistern der seidenen Gewande wurde vernehmlich. Und doch wurde der Tanz immer lebhafter. Sie ließen einander los und fassten sich wieder bei den Händen. Sie verneigten sich voreinander, bald nach rechts, bald nach links. Ihre Mienen wurden freundlich und heiter. Die Damen lächelten mit ihren roten Mündchen den Kavalieren zu, und die Herren warfen ihnen leuchtende Blicke entgegen. Schließlich fassten sich alle miteinander bei den Händen und bildeten einen Kreis, der sich im Tanzschritt auf das lieblichste zu drehen begann. Immer schneller wurde der Wirbel, dass es eine Lust war zuzuschauen. So schnell wurde die Bewegung des Reigens, dass man nur noch ein leuchtendes Farbenspiel in Weiß, Blau und Gelb zu schauen glaubte, einen Zauberkreis, aus welchem nur hin und wieder ein reizendes Füßchen, zwei schmachtende Augen, eine schimmernde Hand oder sonst etwas Herrliches hervortrat, um gleich wieder im Wirbel der mondbeglänzten Seidenstoffe und Puderhaare unterzutauchen. Die Bergleute rissen Mund und Augen auf.

Da – wie auf einen Schlag hörte es auf. Starr stand die ganze Tanzgesellschaft da und alle schauten in eine dunkle Ecke des Schlosshofes. Das dauerte aber nur eine Sekunde. Im nächsten Augenblick hatten schon die Diener den Kutschenschlag aufgerissen. Husch, husch, verschwand wie der Blitz die ganze Pracht er schimmernden Paare im Kutschenraum. Der Schlag flog zu, die Lakaien hüpften auf ihre Plätze, und statt der tiefen Stille, die bisher geherrscht hatte, klapperten die Hufe der Pferde durch das Burgtor. In rasendem Galopp brauste die Kutsche in den Wald hinaus, wo sie im Nu den Blicken entschwunden war.

Aufs höchste verwundert spähten die beiden Bergleute nach der dunklen Ecke des Schlosshofes, forschend, was die Tanzenden dort hinten erschreckt haben mochte. Da sahen sie die stieren Augen eines steinalten Mannes auf sich gerichtet, der regungslos im Schatten verharrte – der Alte vom Saarwald. Bis ins Mark erschaudernd, rannten auch sie, was die Beine hergaben, aus der Burgruine. Sie hatten wenigstens noch soviel Geistesgegenwart, ihre mit Mühe gesammelten Reisigbündel aufzuraffen, dann aber sputeten sie sich auf dem nächste Pfade den Berg hinab ins schützende Tal; den mit dem Alten ist nicht gut Kirschen essen. Das wussten sie.


Quelle: August Diehl: Saarlandsagen. Ein deutsches Volksbuch für Jung und Alt. Würzburg: Amend 1934, S. 55 - 57


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Last update: 27.12.2004