Kapitel I
Prolog
Ja, er war das schwarze Schaf der Familie. Ein Niggudd, ein Tunichtgut, ein Nichtsnutz. Einer, der das Familienvermögen durchgebracht hat. Der für das materielle Unglück seiner Geschwister verantwortlich war. Der seine eigene Mutter gewissermaßen auf dem Gewissen hatte.
Viel hat seine Schwester Maria - meine Mutter - nicht über ihn - meinen Onkel Johann Albert Kiel - erzählt. Und wenn, dann immer dasselbe: Er habe den frühen Tod seines Vaters nicht verkraftet, ihm habe dann der Vater und dessen harte und ordnende Hand gefehlt, er habe die Gutmütigkeit seiner Mutter ausgenutzt, er sei in einen zweifelhaften Freundeskreis geraten und durch seine Freunde auf die schiefe Bahn gekommen, er habe die materielle Grundlage der Familie zerstört, er sei "im Krieg in Berlin umgekommen".
Nachbohren half nichts; mehr Informationen rückte meine Mutter nie heraus. Bei den Familienfesten war Onkel Hennes kein Thema. Eine Art Unperson. Ein Phantom. Immer irgendwo präsent, aber doch nicht anwesend. Aber wenn einmal die Rede auf ihn kam, blieben bei meiner Mutter Tränen meist nicht aus. Es hat sie immer berührt. Ich habe nie richtig verstanden warum. Denn sie war ja nicht gerade voll des Lobes für ihren Bruder. Aber offensichtlich hatte sie ihn doch gemocht, trotz allem, was damals passiert ist. Damals, das waren die schwierigen Dreißiger Jahre in Deutschland, das war die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, des sozialen Abstiegs für Millionen, der braunen Nazidiktatur. Eine Zeit, die meine Generation glücklicherweise nicht mehr miterlebt hat. Aber mit deren Folgen wir noch lange Zeit konfrontiert wurden.
Onkel Hennes war, so würde man heute dem sprachlichen Zeitgeist entsprechend wohl sagen, ein loser, ein Verlierer. Mehr noch: Ein Verlierer auf der ganzen Linie. Denn er hat alles verloren: seine Freunde, seine Familie, seine Frau, sein Kind und nicht zuletzt - sein Leben.
Nur ein Zufall brachte mich auf seine Spur. Als ich Anfang der Neunziger Jahre im Stadtarchiv Saarbrücken alle Unterlagen der bis 1974 selbständigen Gemeinde Ensheim gesichtet hatte, fiel mir in einer alten Mappe, die lose Blätter enthielt, ein DIN A 4-Blatt in die Hände, dessen Inhalt mich gleichsam schockierte und elektrisierte: das Todesurteil für Johann Albert Kiel aus Ensheim. Mir verschlug es die Sprache. Das ist doch mein Onkel, schoss es mir durch den Kopf. Wieso Todesurteil? Der ist doch "im Krieg in Berlin umgekommen". Sofort fiel mir die Sprachregelung ein, die mir meine Mutter immer wieder präsentiert hatte. Mit der sie mich offenbar immer hingehalten hatte, denn heute kann ich nicht glauben, dass sie nicht gewusst haben will, was tatsächlich passiert ist. Sie wollte es wohl nicht mehr wissen. Ein geradezu klassisches Beispiel für die neue deutsche Tugend verdrängen und vergessen, von der es an Beispielen, vor allem aus der "Nazizeit", nicht mangelt.
Natürlich wollte ich nach diesem Zufallsfund genauer wissen, was damals geschehen ist, aber ich brachte es nicht über Herz, meine Mutter mit meinem Fund und mit den Details, die ich in den darauffolgenden Jahren über das schreckliche Ende von Onkel Hennes herausfand, zu konfrontieren. Ich dachte, das bringe sie um. Das verkrafte sie nicht. Und bis zum heutigen Tag bin ich davon überzeugt, sie hätte es nicht verkraftet. Erst nach ihrem Tod im Jahr 2001 habe ich beschlossen, an der Lebensgeschichte von Onkel Hennes weiterzuarbeiten und sie vielleicht zu veröffentlichen.
Natürlich ist diese Veröffentlichung für manchen ein "heißes Eisen", zumal sich diese Geschichte weitgehend in der "Nazizeit" abgespielt hat, die auch heute noch vielfach tabuisiert wird, leider. Aber ich denke nicht, dass diese Geschichte ihn oder meine Familie diskriminiert. Die unmittelbar Betroffenen sind inzwischen tot. Und die noch Lebenden müssen sich wegen Onkel Hennes nicht schämen. Sein Schicksal steht für viele ähnliche Schicksale, die sich in eben dieser Zeit ereignet haben. Wäre sein Vater nicht so früh gestorben, hätte er sich vielleicht ganz anders entwickelt. Wäre der Schwarze Freitag von 1929 nicht gewesen, wäre mein Onkel vielleicht nicht arbeitslos geworden. Wären die braunen Horden nicht an die Macht gekommen, hätte es vielleicht keinen zweiten Weltkrieg gegeben, wäre Onkel Hennes nicht zum "Landesverräter" geworden und wäre nicht unter dem Fallbeil gelandet...
Diese Webseite will an ihn und die unselige Zeit damals erinnern.
Quellen:
© Paul Glass 1997 - 2002 ff
Last update: 09.02.2002