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Extra-Info: Die Auswanderung aus Ensheim im 18. Jahrhundert


Wann genau die Auswanderungen aus Ensheim im 18. Jahrhundert einsetzten, konnte bis jetzt aufgrund der mangelhaften Quellenlage nicht genau datiert werden. Leider sind die katholischen Kirchenbücher, die für Ensheim ab 1712/1720 vorliegen, zum einen teilweise schlampig geführt, zum anderen teilweise lückenhaft. Es gibt viele Personen, die aus Ensheimer Familien abstammen, deren Heirat noch erwähnt wird, deren Tod aber nicht dokumentiert ist. Sind diese Personen ausgewandert, oder wurde ihr Tod einfach nicht dokumentiert?

Die frühesten nachgewiesenen Auswanderungen fanden im Rahmen der zweiten Ausreisewelle nach Südosteuropa statt, wo Österreich nach den Siegen in den Türkenkriegen die neuerworbenen Ländereien durch eine nachhaltige Besiedelungspolitik langfristig absichern wollte.

Aus Ensheim und Eschringen waren es in den Jahren 1764/65 zum Beispiel die folgenden Auswanderer, deren Emigration nach Südosteuropa belegt ist::

1) Johann Martin Walter, Sohn des Ensheimer Meyers Johannes Walter und Witwer der am 20.05.1760 verstorbenen Anna Maria Bell, Tochter des Steinmetzen Christian Bell und der Anna Maria Schmidt aus Brenschelbach; 1764 ins Banat ausgewandert (Hacker, Regesten, Nr. 15645; Wüstner, Nr. 2713)

2) Johann Matthias Untersteller, Sohn von Andreas U. und Margaretha Werndorff, Ensheim; * 01.10.1720 Ensheim, 1764 ins Banat ausgewandert (Hacker, Regesten, Nr. 15320; Wüstner, Nr. 2601) Er fungierte am 05.06.1764 in Ulm/Donau bei der Hochzeit von Johannes Peter Walter aus Ensheim und Christine Jung aus Zetting in Lothringen als Trauzeuge.

3) Michael Untersteller, Sohn von Andreas U. und + Margaretha Werndorff, Ensheim; * vor 1712; nach 1765 nach Pesth / Ungarn ausgewandert (Wüstner, Nr. 2602)

Er ist bei Hacker nicht aufgeführt, aber es steht einen entsprechende Bemerkung bei Wüstner, 749. Er ist ebenso wie seine Frau in Pesth gestorben. Vier Kinder heiraten zwischen 1770 und 1808 in Ensheim bzw. Wadgassen; es ist nicht bekannt, ob sie ihren Eltern nach Ungarn gefolgt sind.

4) Andreas Quirin, Sohn von Andreas Q. und Anna Maria Blaes; * 16.09.1740 Ensheim; 1765 nach Szentivan (Ungarn) verzogen (Hacker, Regesten, Nr. 11617; Wüstner, Nr. 2063)

Es ist davon auszugehen, daß ihn seine Frau Susanna Löw, Tochter von + Andreas Löv und Anna Carenbauer aus Bous, begleitet hat. Das Paar hatte am 23. April 1765 in Ensheim geheiratet. Leider ist nicht nachzuweisen, ob und wenn ja, in welchem Verwandtschaftsverhältnis Andreas Quirin zur Frau von Johann Mathias Untersteller, Margaretha Quirin, gestanden hat. Um die Zeit der möglichen Geburt von Margaretha in den 1720er Jahren wurden die Kirchenbücher sehr schlampig geführt; die Heirat, die 1750 oder kurz vorher erfolgt sein muß, fehlt ebenfalls im Ensheim Kirchenbuch.

Zwanzig Jahre später, 1784, machen sich erneut Auswanderer aus Ensheim und Eschringen auf in Richtung Osteuropa:

1) Kanslenger, Paul aus Eschringen; gemeint ist Johann Paul Anslinger, Sohn von Johannes A. und Anna Elisabeth Jung aus Eschringen; * 02.08.1758 Eschringen. Er hatte 1778 in Großblittersdorf / Lothringen Maria Katharina Adam, die Tochter von Johann Georg A. und Anna Maria Jung aus Rouhling / Lothringen geheiratet; * 15.02.1757 Großblittersdorf / Lothringen; am 11.10.1784 mit 5 Personen durch Wien in Richtung Ungarn gezogen. Mit von der Partie waren sicher seine Frau und drei von vier im Ensheimer KB erwähnten Kinder:

Ob eins der Kinder oder gar die Ehefrau gestorben war, konnte bislang nicht geklärt werden. (Hacker, Regesten, Nr. 7078; Wüstner, Nr. 166)

2) Mayer (= Meyer), Friedrich aus Eschringen; höchstwahrscheinlich Sohn von Johannes Meyer und Anna Eva Ludt aus Eschringen; wenn ja, dann * 17.04.1749 Eschringen; am 23.06.1784 mit 7 Personen durch Wien nach Galizien gezogen. Mit von der Partie waren wohl

und drei andere nicht näher bekannte Personen. Da im Ensheimer Einwohnerbuch, 529 nur ein Friedrich Meyer zur fraglichen Zeit erwähnt wird, muß es sich bei dem Vorgenannten um den Auswanderer handeln. Die Familie war übrigens evangelisch! (Hacker, Regesten, Nr. 9958; Wüstner, Nr. 1787)

3) Unterstetter (= Untersteller), Catharina aus Ensheim. Sie heiratete am 19.08.1784 in Ulm/Donau Josef Seibert aus Blieskastel, Bauer und Rauchfangkehrer; mit 2 Personen nach Ungarn.

Josef Seibert war wohl Sohn von Anton Seibert und Maria Philippina Cremer aus Blieskastel und wurde am 07.01.1756 in Blieskastel geboren.

Die Identität der Catharina Untersteller konnte dagegen nicht genau geklärt werden; sie war wahrscheinlich eine Tochter von Michael Untersteller und Anna Katharina Klein, die möglicherweise zum gleichen Zeitpunkt oder schon etwas früher nach Ungarn ausgewandert waren. (Siehe oben!) Wenn sie Michaels Tochter war, dann * 20.02.1765 Ensheim. (Hacker, Regesten, Nr. 12496; Wüstner, Nr. 2602-8)

Ob auch bei der ersten Einwanderungsphase ins Banat zwischen 1723 und 1726 bereits Ensheimer oder Bewohner aus Eschringen, Reichenbrunn und Sengscheid beteiligt waren, ließ sich bislang nicht ermitteln. Wie schon Hacker, 66f zu Recht betont, ist die Quellenlage für Auswanderungen aus der Grafschaft Nassau-Saarbrücken grundsätzlich ziemlich dürftig - dies vor allem deswegen, weil

Laut Hacker, a.a.O. wurden in der Grafschaft Nassau-Saarbrücken offenbar keine Auswanderungswünsche abgelehnt, aber oft mit der Bedingung verknüpft, daß man nie mehr in die Heimat zurückkehren dürfe. Bei vielen Entlassungen aus dem Untertanenverband werde überdies kein Ziel genannt. Hacker führt dies darauf zurück, daß entweder viele Auswanderungen in benachbarte Reichsländer gemacht wurden oder daß den Auswanderern oft ein genaues Ziel noch nicht bekannt gewesen sei. Eine Abzugsgebühr sei wohl nicht verlangt worden; für die Manumission allerdings hätten die Auswanderer neben der entsprechenden Gebühr auch eine spezielle Taxe von 4 fl 15 alb plus 3 alb für den Stempel zahlen müssen!

Die Siedler aus dem saarpfälzischen Raum mußten sich auf eine beschwerliche Reiseroute einstellen; zum einen lag dies an der fehlenden Infrastruktur (fehlende oder schlechte Straßen), zum anderen an der territorialen Zerrissenheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die dafür verantwortlich war, daß die Auswanderer viele Grenzen innerhalb des Reiches passieren mußten. Für einen Auswanderer aus dem saarpfälzischen Raum sah um 1750 die Reiseroute (rote Trasse) ungefähr so aus:

Die Reisedauer war von verschiedenen Faktoren abhängig: von der Anreisestrecke bis zum Einschiffungspunkt an der Donau, vom Wetter, vom Wasserstand. Bei gutem Wetter brauchte man von Ulm bis Wien sechs bis neun Tage, weil nachts meistens nicht gefahren wurde. Bei schlechtem Wetter dauerte die gleiche Fahrt 12 bis 14 Tage. Übrigens sind die meisten Kolonisten in den Monaten Mai oder Juni gefahren, in einer Jahreszeit also, wo es weder zu heiß noch zu kalt war oder mit Nebel und ähnlichen Wetterunbilden grechnet werden mußte.

Über die anfallenden Reisekosten, die normalerweise bis Wien von den Auswanderern und ab Wien von den habsburgischen Behörden oder den ungarischen privaten Großgrundbesitzern zu zahlen waren, gibt es keine genauen Informationen. Üblicherweise zahlte man je Meile und Person einen Kreuzer: demnach mußte eine fünfköpfige Familie von Ulm bis Wien 8 Gulden zahlen. Der Aussiedler Johann Daniel Schröder, seit 1785 ansässig in Rietzenschan in Österreichisch-Galizien, schreibt in einem Brief vom 22.01.1786, daß er für die Donau-Passage von Donauwörth bis Wien nur einen Gulden bezahlen mußte, was er als sehr günstig einstufte.

Die Auswanderung nach Südosteuropa war ein gefährliches Abenteuer, das nicht wenige Auswanderer mit ihrem Leben bezahlen mußten. Auf dem Landweg waren die Reisenden von Räubern bedroht, auf dem Wasser lauerten gleich zwei Gefahren: das Kentern der leichten Boote und das Ertrinken der Passagiere, die häufig nicht schwimmen konnten; im Hochsommer die Malaria-Krankheit. Ein berühmter Spruch aus der damaligen Zeit lautete:

"Dem Ersten den Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot."


Quellen:


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