gawwele4.gif (1679 Byte)

Ensemma Schbrìch

Redensarten, Ausdrücke und Sprüche

Linje.jpg (772 Byte)

29.  Urteile & Bewertungen

Urteile und Bewertungen, das liegt in der Natur der Sache, fallen entweder positiv oder negativ aus. Diesem Umstand tragen auch die Redensarten und Ausdrücke im Ensemma Pladd Rechnung.

·      iwwa ään Lääschd(e) schlòòn (w.: über einen Leisten schlagen; i.ü.S.: alle gleich beurteilen)[1]

·      vùnn hìe sìnn (w.: von hier sein; i.ü.S.: aus Ensheim stammen.) ðDu, Kaddche, saa mòòl! Die Lied, die woo jedds bäi Walles im Hùss wòhne, sìnn die vùnn hìe oLLa sìnn’s Frìmde?“ (Katharina, sag’ mal: Sind die Leute, die jetzt im Anwesen Walle wohnen, aus Ensheim oder sind sie von auswärts zugezogen?)

·      Sìnn die vùnn hie?“ - „Nää, dass sìnn Frìmde!“ (Stammen die aus Ensheim? - Nein, die kommen von auswärts.) Aus der Antwort spricht auch eine gewisse Abgrenzung gegenüber Neubürgern.

·      da Määning sìnn (meinen; die Meinung vertreten; glauben) ðIch war da Määning, du gähngsch(d) erschd mòrje owed kùmme!“ (Ich war der Meinung, du kämst erst morgen abend.)

·      e gùLLi Naas hònn (e gùdd / gùLLes Nääsje hònn) (w.: einen gute Nase haben; einen guten Riecher haben; i.ü.S.: ein gutes Gespür haben)

·      „Dich kòmma fa gùdd medd|hòlle!“ (Dich kann man getrost mitnehmen!)

·      „Däär ìsch e Gasse|ängel ùnn e Huss|däiwel!“ (w.: Der ist ein Gassenengel und ein Hausteufel! I.ü.S.: Das ist jemand, der sich draußen als brav und freundlich gibt, aber zu Hause die Familie drangsaliert.)[2]

·      „'S läid äbbes in da Lùfd!“ (w.: Es liegt etwas in der Luft! I.ü.S.: Es wird irgendetwas passieren!)

·      „Dass läid ma schwäär im Maa!“ (w.: Das liegt mir schwer im Magen!)

·      „Dòò bissd känn Muss e FaaLem ab!“ (w.: Da beißt keine Maus einen Faden ab! I.ü.S.: An der Entscheidung ändert sich nichts.) ðMorje mìdda gemma medd dìer zùmm Knabb|schdein; dòò bissd känn Muss e FaaLem ab!" (Morgen mittag gehen wir zu Dr. Knappstein; da kannst du so lange herumdiskutieren wie du willst!)[3]

·      „Dass sìnn doch ùùngeleede Eia!“ (w.: Das sind doch ungelegte Eier! I.ü.S.: Das sind Dinge, die noch nicht spruchreif sind!)[4]

·      „Uùngrudd vagedd nìdd!“ (w.: Unkraut vergeht nicht! I.ü.S.: Mir passiert schon nichts!)

·      „Zinda|häär isch's wie e Lämmche!“ (w.: Seither ist sie (es) lammfromm!)

·      „Däär ìsch so schdols wie e Wudds medd äänem Ohr!“ (w.: Der ist so stolz wie ein Schwein mit einem Ohr! I.ü.S.: Der freut sich außerordentlich.)[5]

·      de Plòòn vùnn jemònde im Sagg hònn (w.: von jdm. den Plan in der Tasche haben; i.ü.S.: jdn. genau einschätzen können; genau wissen, wie jd. ist bzw. sich gibt; jdn. durchschauen)[6] ðVùnn der ald Tuud hònnich schùnn lòng de Plòòn im Sagg: jeeLe Sùnndaa in die Kirch ränne ùnn aa noch’s Naach|mòòl hòlle, awwa sich de gòns häälich Daa die Schniss iwwa onna Lied va|robbe!“ (Ich weiß genau, was das für eine Frau ist: einerseits tut sie ganz fromm und besucht jeden Sonntag die Heilige Messe und geht zur Kommunion, andererseits tratscht sie andauernd über ihre Mitmenschen.)

·      jeeLes Wòrd ùff die Gold|wòò lee’e (w.: jedes Wort auf die Goldwaage legen; i.ü.S.: jedes Wort kritisch hinterfragen)

Linje.jpg (772 Byte)

Die meisten Begriffe transportieren negative und abwertende Urteile:

·      „Dass ìsch ùnna alla Sou!“ (w.: Das ist unter aller Sau! I.ü.S.: Das ist unbeschreiblich schlecht.)[7]

·      Dass ìsch ùnna alla Kanoone!“ (Das ist sehr übel bzw. sehr schlecht.)[8]

·      Dass ìsch doch nou|mooLich Dinges! (Das sagt ein Traditionalist über irgendwelche Neuheiten, neue Erscheinungen oder Moden.) ðOh, ge ma fùrd! Medd dämm nou|mooLich Dinges dòò hònnich nìggs òm Hùdd!“ (Ach, lass mich in Ruhe! Mit diesem modernen Zeug habe ich nichts am Hut!)

·      Däär ìsch nìdd gòns kooscha! (Der ist nicht ganz sauber. Dem kann man nicht trauen.)[9]

·      „Dass haLLa beschdimmbd nìdd so gemänd!“ (Das hat er sicher nicht so gemeint!)

·      Pass ùff! Däär hadd Schdään im Sagg!“ (w.: Pass auf! Dieser Mann hat Steine in der Hosentasche! I.ü.S.: Vorsicht! Das ist ein unangenehmer Zeit-genosse, der jederzeit zu einer Attacke bereit ist.)

·      e rìchdìcha Fäld|wewwel sìnn (meist auf dominante Frauen bezogen, die zu Hause das Sagen haben) ðEm Jääb sinn’s ìsch e rìchdìcha Fäld|wew-wel!“ (Jakobs Frau ist auch sehr dominant!)[10]

·      nìggs dauche (nichts taugen)

·      iwwa|haabd niggs dauche (überhaupt nichts taugen)

·      vòòre ùnn henne nìggs dauche (überhaupt nichts taugen)

·      fa nìggs, awwa aa fa gaa nìggs gùdd sìnn (i.ü.S.: überhaupt nichts taugen)

·      Blibb ma vùnn dänne wägg - dass sìnn KomeeLis|lied!“ (w.: Halte dich von jenen Leuten fern - das sind Schausteller! I.ü.S.: ~ das sind Asoziale!)

·      „Junge Gräggse gänn alde Häggse!“ (w.: Junge Kräcksen geben alte Hexen! I.ü.S.: Eine Frau, die seit ihrer Jugend ständig über ihre Krankheiten jammert, wird erst recht richtig alt und setzt ihren Mitmenschen stets ordentlich zu.)[11]

·      „'S ìsch känn Gridds greeßa wie dass wo ma sich sälwa michd!“(w.: Es ist kein Kreuz größer als das selbst auferlegte! I.ü.S.: Die hausgemachten Probleme sind die schwierigsten.)[12]

·      „Dämm Sou|hùnd missd ma de Grùddse erùnna|mache!“ (w.: Diesem Sauhund müsste man den Kopf heruntermachen. I.ü.S.: Dieses Schwein müsste man zum Tode verurteilen!)

·      sich die Hänn gänn kìnne (w.: sich die Hände geben können; i.ü.S.: einen ähnlichen Charakter haben) ðVònn och zwei ìsch ma däär ään so lìeb wie de ònna; ìehr sínn allezwei Lousadde! Ìhr kìnne och die Hänn gänn!

·      „Dass ìsch nìggs Gònses ùnn nìggs Halwes!“ (w.: Das ist nichts Ganzes und nichts Halbes! I.ü.S.: Das ist nichts Vollwertiges!)[13]

·      „Däär hadd sinn gòns Hissje va|soff!“ (w.: Der hat sein ganzes Häuschen versoffen! I.ü.S.: Der hat soviel gesoffen, dass sein Haus zwangsversteigert wurde.)

·      „Ma kònn nìdd ùff zwei Hochzidde dònse!“ (w.: Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen! I.ü.S.: Man an zwei Veranstaltungen zugleich teil-nehmen!)[14]

·      òn jemònd känn gùlles Hòòr lònn (w.: an jdm. kein gutes Haar lassen; i.ü.S.: jdn. umfassend kritisieren)

·      dòò hugge wie beschdelld ùnn nìdd abgehòll (w.: dasitzen wie bestellt und nicht abgeholt; i.ü.S.: deplaziert, missmutig, fehl am Platz sein)[15]

·      „Wännsem Esel se gùdd gedd, geLLa ùff's Iss!“ (w.: Wenn es dem Esel zu wohl wird, begibt er sich auf eine Eisfläche. I.ü.S.: Wenn sich jemand aus Übermut oder Selbstüberschätzung an eine viel zu schwierige Sache wagt, bekommt er leicht Probleme.)[16]

·      „Dòòdemedd kònnsche mich jää'e!“ (w.: Damit kannst du mich jagen! I.ü.S.: Das ist etwas, was ich überhaupt nicht mag!)

·      „Dass war jeddse grad fa die Kadds!“ (w.: Das war jetzt nur für die Katz! I.ü.S.: Das war jetzt völlig umsonst, völlig nutzlos!)[17]

·      „Dass muss ma im Kalänna rood òònschdrìche!“ (w.: Das muss man im Kalender rot anstreichen! I.ü.S.: Diesen Tag muss man sich besonders merken!)

·      „Dass ìsch nìggs fa Kenn!“ (w.: Das ist nichts für Kinder! I.ü.S.: Das ist nur für Erwachsene!)

·      „E Mòmme kònn zeh Kenn ernähre, awwa känn zeh Kenn änni Mòm-me!“ (w.: Eine Mutter kann zehn Kinder ernähren, aber zehn Kinder keine Mutter! I.ü.S.: Kinder haben immer Schwierigkeiten, ihre Mutter im Alter zu pflegen.)[18]

·      „Dòò fellda känn Zagge uss da Kroon!“ (w.: Da fällt dir kein Zacken aus der Krone! I.ü.S.: Dabei vergibst du dir nichts!)

·      „All sinna Lääwe long hadd däärdòò Nìggùdd noch nìggs Òònschdän-niches geschaffd!“ (w.: Sein ganzes Leben lang hat dieser Tunichtgut noch nichts Anständiges gearbeitet!)

·      „Nää, dass kònnich gaa nìdd liLLe!“ (w.: Nein, das kann ich gar nicht leiden!)

·      „Däär lùùd wie e Oggs wònn's dimmeld!“ (w.: Der schaut wie eine Ochse, wenn es donnert. I.ü.S.: Der sieht sehr überrascht aus und verdreht die Augen! Der sieht etwas dümmlich aus!)[19]

·      „Dass ìsch de Òònfong vùmm Änn!“ (w.: Das ist der Anfang vom Ende! I.ü.S.: Von nun an geht es bergab!)

·      e Pärrds|doggda sìnn (w.: eine Pferdearzt sein; i.ü.S.: ein Arzt mit wenig Feingefühl sein)

·      e dieres Plaschda sìnn (w.: ein teures Pflaster sein; i.ü.S.: ein Ort mit einem hohen Preisniveau sein)

·      „Dämm räänd's aa in die Naase|lecha!“ (w.: Dem regnet es auch in die Nasenlöcher! I.ü.S.: Dieser Mensch trägt die Nase so hoch, dass es ihm hineinregnet, d. h., er ist besonders hochnäsig!)

·      e Rùddsadd sìnn (i.ü.S.: ein Rotzlöffel, ein frecher Junge sein)

·      „Dass ìsch de alla|leddschde Schòmmass!“ (w.: Das ist das allerletzte Zeug! I.ü.S.: Das ist billiger Tand!)[20]

·      „Wass sevìel ìsch, ìsch sevìel, ùnn wänn's gebääd ìsch!“ (w.: Was zuviel ist, ist zuviel, und wenn es gebetet ist. I.ü.S.: Allzuviel ist ungesund, selbst das Beten!)

·      „Ääs mänd aa wùnnaschd, wass ääs wäär!“ (w.: Sie meint auch wunders, wer sie ist. I.ü.S.: Sie ist sehr von sich überzeugt!)

Linje.jpg (772 Byte)

Natürlich gibt es auch viele Möglichkeiten, mit dem Einsatz von bestimmten Schimpfwörtern ein negatives Urteil abzugeben. Dazu ein paar Beispiele:[21]

·      So e Lùmbe|zäich!“ (w.: Solch ein Lumpenzeug! I.ü.S.: Solche asoziale Leute!)

·      So e Dùnna|wäLLa!“ (w.: Solch ein Donnerwetter! I.ü.S.: Was für ein Draufgänger!)

·      „So e Räiwa!“ (w.: Solch ein Räuber! I.ü.S.: Was für ein Schlitzohr!)

·      „So e rouLicha Hùnd!“ (w.: Solch ein räudiger Hund! I.ü.S.: Was für ein Schlitzohr!)

·      „So e alda Klùdds|kobb!“ (w.: Solch ein Klotzkopf! I.ü.S.: Was für ein Dickschädel!)

·      „So e Luus|klìggadd!“ (I.ü.S.: Was für ein Lausejunge!)


Anmerkungen

[1] Braun, op. cit., 77 zufolge war der Leisten ein Modell in Form eines Fußes, das der Schuster zum Anfertigen der Schuhe brauchte.

[2] Vgl. auch Braun, op. cit., 62.

[3] Dr. Paul Knappstein hat im Ensheimer Krankenhaus nach dem 2. Weltkrieg lange Jahre erfolgreich praktiziert. – Vgl. auch den Erklärungsversuch bei Duden, op. cit., 481.

[4] Vgl. Duden, op. cit., 168.

[5] Vgl. Braun, op. cit., 123.

[6] Braun, op. cit., 75

[7] Vgl. Duden, op. cit., 606f, demzufolge ‚Sau‘ hier für „etwas gering Geachtetes“ steht: Möglicherweise ist die Fügung in dieser Form in Analogie zu ‚unter aller Kritik‘ oder ‚unter aller Kanone‘ entstanden.

[8] Gelbhaar, op. cit., 80 leitet diese Redensart vom lat. sub omni canone ab, was unter jedem Maßstab bedeutet.

[9] Braun, op. cit., 68 verweist auf die Herkunft des Wortes koscher aus dem Jiddischen, wo dies „sauber, einwandfrei, unverdächtig“ bedeutet. Auch die jüdische Küche muss koscher sein, z. B. dürfen Juden kein Schweinefleisch essen.

[10] Wie Braun, op. cit., 91 darlegt, gibt’s im Saarland auch den Begriff Schandaarm für dominante Frauen. Das Wort Schòndaam existiert zwar auch im Ensemma Pladd, aber in dieser Bedeutung habe ich es noch nicht gehört.

[11] Vgl. auch Braun, op. cit., 135.

[12] Vgl. auch Braun, op. cit., 68.

[13] Vgl. Griesbach/Schulz, op. cit., 69.

[14] Vgl. Duden, op. cit., 344.

[15] Vgl. Duden, op. cit., 104.

[16] Vgl. Duden, op. cit., 186.

[17] Vgl. Duden, op. cit., 376, wonach die Wendung eigentlich meint, dass etwas wertlos, so schlecht ist wie Fischreste, Wurstpellen, Käserinde, die man der Katze zum Fressen vorwirft.

[18] Wie Braun, op. cit., 34 berichtet, gibt es diese Redensart auch im Frz., allerdings ist dort das Verhältnis Mutter – Kinder noch schlechter: 1 zu 100. Bei ihr ist der Vater der Ernährer.

[19] Braun, op. cit., 110 präsentiert eine Gluck, welche „die Aaue vadräht, wennt dimmelt“.

[20] Das Wort Schòmmass klingt frz., aber mir ist kein Wort eingefallen, dem es entsprechen könnte. Möglicherweise ist es jiddischen Ursprungs.

[21] Hierzu verweise ich auf mein kleines Buch Klutzkopp, kumm ich will da! Schimpfwörter der Ensheimer Mundart. Ensheim 1988, wo diese Materie ausführlich abgehandelt wird.

Linje.jpg (772 Byte)  

Serigg.jpg (2327 Byte) Nohowwe.jpg (3035 Byte) Inleben.jpg (3413 Byte) Poschd.jpg (2816 Byte) Widdschd.jpg (2667 Byte)

© Paul Glass 2000-2001