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Ensemma Schbrìch Redensarten, Ausdrücke und Sprüche |
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Auch bei diesem Thema überwiegen die negativ besetzten Begriffe. Offenbar ließen Anstand und Höflichkeit bei unseren Altvorderen viel zu wünschen übrig.
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Boodse plìgge (in der Nase popeln und getrockneten Nasenschleim entfernen) ð „Ich
hònn da’s schùnn hùnnaddmòòl gepreLLichd: Du sollsch bäim Ässe känn
Boodse plìgge!“ (Schon hundertmal habe ich dir gesagt: Du sollst beim
Essen nicht in der Nase popeln!)
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memm Finga in da Gùmschel erùm|grùddele (mit
dem Finger in der Nase bohren)
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baddsich sìnn
(i.ü.S.:
frech; unartig; unhöflich sein) ð
„Sei du mòòl nìdd so baddsich zùda Frau Wieschdna - die männ(d)‘s
jòò nùrre gùdd!“ (Sei nicht so unhöflich zu Frau Wüstner! Sie
meint’s ja bloß gut mit dir!)
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baddsich wärre (i.ü.S.: ausfallend, frech werden)
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„Däär Dùmm|bäidel wääß aa nìdd, wass sich gehärd!“ (Der
Dummkopf weiß auch nicht, was sich gehört!)
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medda Sou|boll nìnn|felle (w.:
mit der Futterkelle für die Schweine hinein-fallen; i.ü.S.: 1. mit der Tür
ins Haus fallen; 2. etw. übertreiben und damit Ärger erregen) ð
„Ich wääß nìdd, wassich medd dämm Grùssel noch alles mache soll: däär
felld ìmma glich medda Sou|boll (e)nìnn! Ma muss sich meLLem schòòme!“
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medda (meLLa) Dìer ins Huss felle (w.: mit der Tür ins Haus fallen; i.ü.S.:
ein Anliegen unvermittelt vorbringen)[1]
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„Dassäll hadd doch aa de Òòn|schdònd memm Leffel gefräss!“
(w.: Sel-bige Frau hat auch den Anstand mit dem Löffel gefressen. I.ü.S.:
Diese Frau hat überhaupt keine Manieren!)
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„Dòò driwwe dänne ìhra bruch ääm aa känn Zidd meh se bìeLe!“
(Der Sohn der gegenüber wohnenden Familie hält es auch nicht mehr für nötig
zu grüßen!)
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„Hònn ìhr dehämm känn Bedda?“ (w.: Habt ihr zu Hause keine Betten?) Diese Frage
nach den Betten stellt ein unhöflicher Gastgeber seinen Gästen, die er ganz
gerne loswerden möchte - z.B. weil er selbst müde ist und zu Bett gehen möchte.)
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„Kùmm, ma genn ins Bedd; sùùche och e ònna Maie|huss!“
(I.ü.S.: Komm, wir gehen zu Bett! Sucht euch bitte eine andere Bleibe zum
Plau-schen!)
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„Hasch(d)e Schbaddse unnam Hùdd?“ (w.: Hast Du Spatzen unter dem Hut?)[2]
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nìdd wisse, wass sich gehärd (w.: nicht wissen, was sich gehört)
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e Klìddsje schbuddse (w.: ein Klötzchen spucken; i.ü.S.: einen
Schleimpfropf ausspucken)
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hennam LaaLe luschdarre (w.: hinter dem Fensterladen lauern, um zu sehen, was
auf der Straße oder bei den Nachbarn passiert.) ð „‘S
Ohl hadd imma hennam LaaLe geluschdadd; dòò hasche kìnne hämm|kùmme, wònnehde
gewìlld hasch(d)!“
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's Mull se voll mache (w.: den Mund zu voll nehmen; i.ü.S.: einen zu großen
Bissen in den Mund nehmen)
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uss da Roll felle (w.: aus der Rolle fallen; i.ü.S.: sich ungehörig
beneh-men)[3]
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de Schdall ùffstehn hònn (w.: den Stall offenstehen haben; i.ü.S.: den
Hosenschlitz offen haben)
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die Schdalldìer widde|wòòn ùffschdehn hònn (w.:
den Stall weit offen-stehen haben; i.ü.S.: den Hosenschlitz weit offen haben)
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äbbes uss|schbuddse (w.: etw. ausspucken)
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ùff's Troddwaa kòllarre (~ schbùddse) (I.ü.S.:
<derb> auf den Bürgersteig spucken) ð
„Ä, wass fa e Sou|färgel! Kòlladd dòò äänfach vòòrma ùffs
Troddwaa!“ (Igitt, was für ein Schwein! Spuckt einfach vor mir auf den Bürgersteig
aus!)[4]
· ùff's Troddwaa rùddse (w.: <derb> auf das Trottoir rotzen; i.ü.S.: auf den Bürgersteig spucken)
ins
Kolla|hääbche rùddse (w.: in den Spucknapf rotzen; i.ü.S.:
seinen Schleim in den Spucknapf absondern)
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midde ùff de Wää koddse (w.: <derb> mitten auf den Weg kotzen; i.ü.S.:
sich mitten auf der Straße übergeben)
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ussgeschnied sìnn bis dòrdenuss (i.ü.S.: einen ganz tiefen Ausschnitt im
Kleid haben) ð
"Mònche sìnn awwa aa ussgeschnied bis dòrdenuss!"
(Manche Frauen tragen Kleider mit einem viel zu tiefen Ausschnitt!)
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"Dämm kònnsche lùù'e bis òn die Zìchel|hìdd!" (w.:
Dem kannst du schauen bis an die Ziegelhütte! I.ü.S.: Diese Frau hat einen
dermaßen tiefen Ausschnitt, dass man <wenn sie sich bückt> ihren
Intimbereich sehen kann, ob man will oder nicht!)[5]
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òn de Zeewe griwwele (i.ü.S.: an den Zehen spielen) ð „Ich
kònn jòò alles liLLe, awwa nìdd, dasse da òn de Zeewe griwwelsch(d), wämma
Besùùch hònn!“[6]
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Außer Beschimpfungen[7] sind natürlich bei Verstößen gegen Anstand und Höflichkeit auch viele Zurechtweisungen denkbar. Ein paar Beispiele:
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„Dass
gehärd sich nìdd!“ (Das gehört sich nicht!)
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„Dass
mìchd ma nìdd!“ (Das tut man nicht!)
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„So äbbes seed ma nìdd!“ (Sowas sagt man nicht!)
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„Elwe|drìddsche fònge!“ (Das sagt man zu einer Person, die partout wissen
will, wo man hingeht oder hinfährt: „Ei,
wo geschen hìen?“ - „Ei, Elwe| drìddsche
fònge!“
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„Wännde owwe bìsch(d), schìggsche ma e Òònsichds|kaad!“
(w.: Wenn du oben angelangt bist, schickst du mir eine Ansichtskarte!) - Das
sagt man zu Leuten, die ungeniert in der Nase popeln.
Mit einem angehängten Härsche? kann man die Zurechtweisung noch unterstreichen:
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„So e Bleedsìnn mìsche ma nìmmeh, härsche!?“
(Solch einen Blödsinn machst du nicht mehr, hörst du?)
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Positiv
besetzt sind die folgenden Ausdrücke:
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jemònde ìmma die Zidd bìeLe (w.:
jdm. immer die Zeit bieten; i.ü.S.: jdn. immer grüßen) ð
„Schorsche|nìggels ìhra ìsch so e padändes Kärl|che! Däär dùdd ma
aa ìmma die Zidd bìeLe, ùnn so äbbes gefelld ma!“
·
„Dich
kòmma fa gùdd medd|hòlle!“ (w.: Dich
kann man für gut mit-nehmen! I.ü.S.: Dich kann man ohne Probleme mitnehmen,
egal wohin. Du bist immer brav und gibst immer eine gute Figur ab.)
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de Òòn|schdänniche mache (w.: den Anständigen machen; i.ü.S.: brav sein;
nicht unangenehm auffallen; sich als gut erzogen erweisen)
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e Schdìggel|che rìgge (w.: ein Stückchen rücken; i.ü.S.: aufrücken,
damit noch ein anderer Platz hat)
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sich schìgge (i.ü.S.: sich gut benehmen) ð
„Schìgg dich ùnn mach ma känn Schònn!“ (Benimm‘ dich und
mach‘ mir keine Schande!)
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„Deggmòòls märsi!“ (Vielen Dank!)
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Auch höfliche Fragen sind
denkbar:
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„Willsche
e Dìbbe Kaffee?“
(w.: Willst du eine Tasse Kaffee?)
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„Meechschde
aa e Schdìgg Zìmmed|kùùche?“ (w.: Möchtest du auch ein Stück Streuselkuchen?)
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„Gähngsche
medd in die Mäss?“
(I.ü.S.: Würdest du mich in die Messe begleiten?)
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„Häddsche
mòòl e Schdurme Zidd?“
(w.: Hättest du mal einen Moment Zeit?)
Anmerkungen
[1] Vgl. Duden, op. cit., 315: Gemeint ist, dass jmd. so ungestüm und plump in ein Haus drängt, dass er dabei die Tür aus den Angeln reißt und samt der Tür ins Haus stürzt.
[2] Das sagt man zu einem Zeitgenossen, der partout nicht seine Kopfbedeckung abnehmen will, was allgemein als unhöflich gilt, nicht nur in der Kirche. Man hofft, dass der Angesprochene nach dieser Bemerkung seinen Hut absetzt.
[3]
Vgl. Duden, op. cit., 587.
[4] Das Wort schbuddse leitet sich ab vom rheinpfälz. spauzen <spucken>. Vgl. Seibicke, op. cit., 144.
[5] Das ist wiederum ein typisch Ensheimer Spruch, der sich auf die Ziegelhütte bezieht, die im 19. Jahr-hundert auf dem Gelände des heutigen Flughafens gebaut und betrieben wurde. Die Entfernung zur Dorfmitte betrug gut und gerne zwei Kilometer.
[6] Der Ausdruck griwwele kommt übrigens von griffeln.
[7] Vgl. dazu auch Kapitel 35 !
© Paul Glass 2000-2001