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Ensemma Schbrìch
Redensarten, Ausdrücke und Sprüche |

4. Sehen & gesehen werden und das Gegenteil
Bevor man (und frau) etwas sieht, muss man (und frau) sich ùff
die Luur lee'e (auf die Lauer legen). So empfiehlt sich beispielsweise, hennam
LaaLe se luschdarre (d.h. sich hinter dem halb geschlossenen Fensterladen oder
Rolladen um Ausblicke zu bemühen) oder sonstwie äbbes im Au se bahaLLe
(etw. im Auge zu behalten).
Wenn jemand etwas wissen oder in Erfahrung bringen möchte, dann ist
folgendes angesagt:
Es wäre auch denkbar, maie se gehn, etwa zu
einer Nachbarin oder Freundin, um so die letzten Neuigkeiten zu erfahren. Dies ist eine
vorzugsweise weibliche Tätigkeit, kommt allerdings auch bei manchen Männern vor!
Auf diese Weise hat man (und frau) die Möglichkeit, sich se
wiese (also sich zu zeigen und auf sich aufmerksam zu machen). Schlimm wäre,
wenn es einem dennoch nicht gelingt, jemònde aachd se dùùn
(jdn. zu bemerken, etwa auf der Straße). Genauso schlimm wäre, selbst gaa
nìdd äschdemìerd se wärre (selbst links liegengelassen zu werden). Das
ist nicht gut für das Selbstbewusstsein.
Vielleicht ist es deshalb ratsam, besonders auf sich aufmerksam zu
machen:
- Griewes|graawes dòòhäär|mache
(i.ü.S.: Aufsehen erregen)
- e Ùff|hewwens dòòhäär|mache
(i.ü.S.: Aufsehen erregen)
- e Gedùuns hònn
(i.ü.S.: ein Getue an den Tag legen)
- e Gehääschda|ches dòòhäär|mache
(i.ü.S.: ein auffälliges und meist
nervö-ses Getue an den Tag legen)
- "Genaachd, Härr Paschdoor!"
(w.: Gute Nacht,
Herr Pfarrer!)
- "Dòò kònnsche mòòl wiLLa gesìehn, wass däär Lourdsmadds dòò fa Fleh im
Ohr hadd!"
(w.: Da kannst du mal wieder sehen, was dieser Lausejunge für
Flöhe im Ohr hat. I.ü.S.: Da kannst du mal wieder sehen, was dieser Lausejunge für
spleenige Ideen im Kopf hat.)
Die Neugierde ist ein ziemlich menschlicher Zug, wenn sie auch
für andere oft sehr unangenehm ist:
- vòòrwìddsich (vòrrwìddsich) sìnn wie e ald Frau (Fraa)
(w.: neugierig sein wie eine alte Frau; i.ü.S.: sehr neugierig sein)
- vorrwìddsich ussem Finschda lùù'e
(neugierig aus dem Fenster schauen)
- vòrrwìddsich sìnn bis doordenuss
(i.ü.S.: überaus neugierig sein) ð "Oh, härrma doch ùff: dassäll ìsch doch
vòrrwìddsich bis dòrdenuss!" (Oh, hör doch bitte auf! Diese Frau ist doch
neugierig bis Zum-geht-nicht-mehr!)
- vùmm Vòrr|wìdds gepinnichd wärre
(w.: von der Neugier gepeinigt werden;
i.ü.S.: überaus neugierig sein) ð "Ich kònn da
gaa nìdd sòòn, wie grusslich ich vùmm Vòrrwidds gepinnichd sìnn hònnse
jeddse äbbes meddnònna oLLa nìdd?" (Ich kann dir gar nicht sagen, wie
neugierig ich bin: haben die beiden jetzt ein Verhältnis oder nicht?)
- vòòr Vòrrwidds schdärwe
(i.ü.S.: vor lauter Neugier sterben) ð "Mensch, Mienche, hasche äbbes eruss|grìdd? Ich
kìnnd grad vòòr Vòrrwidds schdärwe!" (Mensch, Wilhelmine! Hast du etwas
herausgefunden? Ich könnte vor lauter Neugier sterben!)
- in da Schubblaad schmuuse
(i.ü.S.: <aus Neugierde> eine Schublade
durchwühlen, durchsuchen) ð "Ich hònn das
schùnn hùnnadd|mòòl ge-preLLichd: du sollsch(d) nìdd imma in minne SchubblaaLe
schmuuse!" (Ich habe es dir schon 100mal gepredigt: du sollst meine Schubladen
nicht durchsuchen!)
Weitere Wendungen sind z.B.:
- e schääla Mingo sìnn
(i.ü.S.: nichts oder nicht gut sehen)
- "Dänne häLLich jeddse nìmmeh va|ròòd!"
(w.: Den hätte ich
jetzt nicht mehr erraten. I.ü.S.: Den hätte ich jetzt nicht mehr wiedererkannt!)
- jemònd äbbes abluu'e
(w.: jdm. etwas abschauen; i.ü.S.: jdn. intensiv
betrachten, wenn er sich aus- oder umzieht) oft in verneinter Form gebraucht, um
einen etwas verklemmten Zeitgenossen zu beruhigen: "Känn Ongschd! Ich lùù da
nìggs ab!"
- Tomaade ùff de Aue hònn
(w.: Tomaten auf den Augen
haben; i.ü.S.: etw. nicht sehen; etw. nicht bemerken)
Andererseits gibt es aber auch Mitmenschen, die - aus welchen Gründen
auch immer - das Haus ganz selten verlassen und die Öffentlichkeit meiden:
- nìdd uss da Hiehl gehn
(w.: seine Höhle nicht verlassen)
- nìdd vòrrs Loch gehn
(i.ü.S.: nicht vor die Tür gehen; zu Hause
bleiben)
- dehämm hennam Oowe hugge
(w.: zu Hause hinter dem Ofen sitzen; i.ü.S.: zu
Hause bleiben)
- memm Aasch (Ärsch) dehämm|bliwwe
w.: mit dem Arsch zu Hause bleiben; i.ü.S.:
zu Hause bleiben)
- känn Ussgòng hònn
(w.: keinen Ausgang haben; i.ü.S.: nicht ausgehen; ~
dürfen)
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